Das 18. Jahrhundert

Das 18. Jahrhundert brachte für Angern einen tiefgreifenden Wandel. Nach den Zerstörungen und wirtschaftlichen Belastungen des Dreißigjährigen Krieges begann eine Phase des Aufschwungs, die ihren sichtbarsten Ausdruck im Neubau des Schlosses und der Neugestaltung der Gesamtanlage fand. Unter Christoph Daniel von der Schulenburg entwickelte sich Angern zu einem repräsentativen Adelssitz von überregionaler Bedeutung.

Mit dem barocken Schloss, dem weitläufigen Garten und der Neuordnung der Besitzungen entstand ein Herrschaftszentrum, das die mittelalterliche Burg zwar überformte, zugleich jedoch wesentliche Teile ihrer Bausubstanz bewahrte. Das 18. Jahrhundert prägte das Erscheinungsbild Angerns nachhaltig und legte die Grundlage für die bis heute erhaltene Schlossanlage.

1705: Spanischer Erbfolgekrieg

Während des Spanischen Erbfolgekrieges wurde im Jahr 1705 nach den überlieferten Quellen ein Detachement des später als Dragoner-Regiment „Graf Paar“ Nr. 2 bekannten Verbandes in Angern stationiert. Das Regiment gehörte zu den Truppen der kaiserlich-habsburgischen Armee und war bereits seit dem späten 17. Jahrhundert im Einsatz.

Die Stationierung verdeutlicht die weiterhin bestehende Bedeutung Angerns als regionaler Stützpunkt. Obwohl die mittelalterliche Burg nach dem Brand des Dreißigjährigen Krieges ihre ursprüngliche Wehrfunktion weitgehend verloren hatte, bot die Anlage weiterhin Unterkunfts-, Lager- und Versorgungsmöglichkeiten für militärische Verbände.

Die Anwesenheit kaiserlicher Truppen zeigt zugleich, dass die Auswirkungen der großen europäischen Konflikte des frühen 18. Jahrhunderts auch in der Altmark spürbar waren. Angern blieb damit Teil jener politischen und militärischen Entwicklungen, die Mitteleuropa während des Spanischen Erbfolgekrieges prägten.

1725: Die fiskalische Bestandsaufnahme

Bereits im Jahr 1725 ließ Christoph Daniel von der Schulenburg durch den Fiscal Petrus Groschen die Abgaben- und Dienstpflichten der Untertanen in Angern und Wenddorf erfassen. Die Aufstellung vermittelt einen seltenen Einblick in die Sozial- und Wirtschaftsstruktur der Dörfer unmittelbar vor der umfassenden Neuordnung der Angerner Besitzungen im 18. Jahrhundert.

Nach dieser Erhebung bestanden in Angern acht Halbspännerhöfe, neun ganze Kossatenstellen, fünf halbe Kossatenstellen, zehn sogenannte Freie sowie drei Neuansiedlerstellen. In Wenddorf wurden unter anderem zwei Ackerleute, zwei Halbspänner und acht Kossaten erfasst. Die Quelle verdeutlicht die soziale Differenzierung innerhalb der dörflichen Bevölkerung und zeigt die unterschiedlichen wirtschaftlichen Grundlagen der einzelnen Hofstellen.

Die Erfassung diente der Feststellung bestehender Rechte, Abgaben und Dienstverpflichtungen. Sie dokumentiert zugleich die Bemühungen der Gutsherrschaft, einen Überblick über die wirtschaftlichen Verhältnisse ihrer Untertanen zu gewinnen. Solche Erhebungen waren im frühen 18. Jahrhundert ein wichtiges Instrument der Verwaltung und bildeten die Grundlage für spätere Entscheidungen über Abgaben, Dienste und Bewirtschaftung.

Besonders bemerkenswert ist die Zahl der als „Freie“ bezeichneten Einwohner. Ihre genaue rechtliche Stellung lässt sich aus der Quelle nicht eindeutig bestimmen, verweist jedoch auf die Vielfalt der dörflichen Sozialstruktur. Auch die Nennung von Neuansiedlern deutet darauf hin, dass einzelne Hofstellen neu besetzt oder wieder in Nutzung genommen wurden.

Insgesamt dokumentiert die Erhebung von 1725 die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse in Angern und Wenddorf unmittelbar vor den umfassenden Veränderungen, die Christoph Daniel von der Schulenburg in den folgenden Jahrzehnten durch den Ausbau des Gutes und die Errichtung des neuen Schlosses einleitete.

1734: Soziale Lage vor dem Konkurs

Nach dem Tod von Heinrich Hartwig von der Schulenburg im Jahr 1734 geriet das Gut Angern in eine schwere wirtschaftliche Krise. Die vorhandenen Quellen verweisen auf erhebliche finanzielle Schwierigkeiten, die schließlich zur Zahlungsunfähigkeit des Besitzes führten. Damit erreichte eine Entwicklung ihren Höhepunkt, die sich bereits über längere Zeit angedeutet hatte.

Die wirtschaftlichen Probleme standen nicht isoliert, sondern waren Teil der allgemeinen Herausforderungen vieler altmärkischer Rittergüter im frühen 18. Jahrhundert. Landwirtschaftliche Erträge, Abgabenleistungen und die Bewirtschaftung der Besitzungen unterlagen erheblichen Schwankungen. Gleichzeitig erforderte die Unterhaltung von Gut, Gebäuden und Verwaltung beträchtliche finanzielle Mittel.

Bereits wenige Jahre zuvor hatte Christoph Daniel von der Schulenburg durch den Fiscal Petrus Groschen eine umfassende Erhebung der Untertanen, ihrer Abgaben und Dienstpflichten durchführen lassen. Diese Quelle vermittelt einen detaillierten Einblick in die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse von Angern und Wenddorf unmittelbar vor dem Konkurs und dokumentiert die komplexe Struktur des Gutsverbandes.

Die Ereignisse von 1734 markieren einen Wendepunkt in der Geschichte Angerns. Erst die wirtschaftliche Krise eröffnete Christoph Daniel von der Schulenburg die Möglichkeit, die verschiedenen Besitzanteile wieder in einer Hand zu vereinen. Damit wurden die Voraussetzungen für die umfassende Neuordnung des Gutes sowie den späteren Neubau von Schloss und Park geschaffen.

1735: Territoriale Konsolidierung und Schlossbau

Zwischen 1731 und 1738 gelang es Christoph Daniel von der Schulenburg, General der Infanterie in sardinischen Diensten, wesentliche Teile des zuvor aufgesplitterten Familienbesitzes in Angern wieder zu vereinen. Den Anfang machten die Güter Wenddorf und Bülitz, die er von den Erben seines Bruders Matthias Daniel von der Schulenburg erwarb. Mit diesen Käufen begann die schrittweise Konsolidierung der Angerner Besitzungen.

Den entscheidenden Schritt vollzog Christoph Daniel im Jahr 1738, als er das Rittergut Angern-Vergunst einschließlich des Alt Hansens Teils von Generalmajor Adolf Friedrich Reichsgraf von der Schulenburg erwarb. Mit diesem Kauf wurden die über Generationen hinweg zersplitterten Besitzanteile der Familie wieder in einer Hand vereinigt. Der Kaufpreis von 50.000 Reichstalern verdeutlicht die wirtschaftliche Bedeutung des Besitzes.

Bereits vor dem endgültigen Eigentumsübergang ließ Christoph Daniel am 4. Juli 1738 durch den kaiserlichen Notar Adam Heinrich Bartels ein vollständiges Inventar des Gutes Angern-Vergunst aufnehmen (Rep. H Angern Nr. 74). Diese Quelle dokumentiert den Zustand der Besitzungen unmittelbar vor der umfassenden Neuordnung des Gutes.

Mit der Wiedervereinigung der Besitzungen begann zugleich eine neue Epoche in der Geschichte Angerns. Christoph Daniel investierte erhebliche Mittel in die Modernisierung des Gutes und den Ausbau seiner Residenz. Die vorhandenen Gebäude wurden weitgehend ersetzt oder umgestaltet, und an der Stelle der älteren Wohnanlage entstand ab 1738 das neue barocke Schloss Angern. Die Bauarbeiten waren bis etwa 1740 weitgehend abgeschlossen und verliehen der Anlage ihr bis heute prägendes Erscheinungsbild.

Die Erwerbungen Christoph Daniels bildeten die Grundlage für den wirtschaftlichen Aufstieg der Angerner Besitzungen im 18. Jahrhundert. Mit der Vereinigung der Güter, dem Ausbau des Schlosses und der Neuordnung des Gutsbetriebes schuf er jene Strukturen, die die Entwicklung Angerns für die folgenden Generationen maßgeblich bestimmen sollten.

1750: Soziale Struktur des Dorfes Angern

Um 1750 zählte das Dorf Angern insgesamt 108 Feuerstellen, darunter Wohnhäuser, Altenteilswohnungen und Wirtschaftsgebäude (Gutsarchiv Angern, Rep. H 444). Die Dorfbevölkerung war sozial deutlich gegliedert. Neben einem größeren Ackermann bestanden 16 Halbspännerstellen, 20 große und 11 kleine Kossatenstellen sowie 20 Häusler- beziehungsweise Büdnerstellen. Die verschiedenen Bevölkerungsgruppen waren in unterschiedlichem Umfang zu Abgaben und Dienstleistungen gegenüber der Gutsherrschaft verpflichtet.

Die landwirtschaftliche Nutzfläche umfasste die Güter des Hauses Angern sowie die bäuerlichen Wirtschaftsflächen des Dorfes. Die Böden galten überwiegend als mittlerer bis geringer Qualität. Neben Ackerland und Wiesen werden auch gemeinschaftlich genutzte Holzungen sowie ein etwa einen Morgen großer Maulbeergarten erwähnt, der auf Sonderkulturen innerhalb der Gutswirtschaft hinweist.

Bemerkenswert ist die Vielzahl der im Dorf vertretenen Handwerke. Insgesamt werden 39 Handwerker genannt, darunter Zimmerleute, Leinweber, Schuster, Maurer, Schmiede, Sattler, ein Chirurg, ein Schlösser, ein Pottaschebrenner und ein Scharfrichter. Drei Mahlmühlen und zwei Ölmühlen ergänzten die wirtschaftliche Infrastruktur. Diese Vielfalt zeigt, dass Angern im 18. Jahrhundert nicht nur ein landwirtschaftlich geprägtes Dorf, sondern zugleich ein lokales Versorgungszentrum für die Umgebung war.

Die überlieferten Bevölkerungszahlen der Jahre 1770 bis 1780 weisen mit 375 Geburten und 373 Sterbefällen auf eine weitgehend stabile Bevölkerungsentwicklung hin. Trotz wiederkehrender Krankheiten und begrenzter medizinischer Möglichkeiten blieb die Einwohnerzahl damit über längere Zeit relativ konstant.

Die Quelle vermittelt ein anschauliches Bild Angerns in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Dorf, Gut und Handwerk bildeten eine eng miteinander verflochtene Gemeinschaft, deren wirtschaftliches und gesellschaftliches Leben maßgeblich durch Landwirtschaft, lokale Gewerbe und die Gutsherrschaft geprägt wurde.

1762: Vom General zum Gutsgründer

Nach dem Erwerb der zersplitterten Familienanteile vereinigte Christoph Daniel von der Schulenburg die beiden vormals getrennten Rittergüter Angern-Vergunst und Alt Hansens Teil zu einem geschlossenen Besitzkomplex. Gleichzeitig verlagerte er den wirtschaftlichen Schwerpunkt auf den neu angelegten Schlosshof und schuf damit die Grundlage für eine umfassende Neuordnung von Gut, Schloss und Park.

In seinem Testament von 1762 bestimmte Christoph Daniel das Rittergut Angern zum Fideikommiss. Die von ihm festgelegte Sukzessionsordnung sollte den ungeteilten Übergang des Besitzes innerhalb der Familie sichern und eine erneute Zersplitterung verhindern. Nach seinem Tod im Jahr 1763 fiel Angern testamentarisch an seinen Neffen Alexander Friedrich Christoph I. von der Schulenburg.

Alexander Friedrich Christoph I. von der Schulenburg (1720–1791) setzte die von seinem Onkel begonnene Entwicklung fort. Der preußische Offizier wurde für seine militärischen Verdienste im Siebenjährigen Krieg in den Grafenstand erhoben und übernahm einen bereits weitgehend konsolidierten Besitz. Unter seiner Verwaltung blieben Schloss, Gut und die zugehörigen Besitzungen wirtschaftlich stabil und bildeten weiterhin den Mittelpunkt der Angerner Linie der Familie von der Schulenburg.

Die von Christoph Daniel geschaffenen Strukturen erwiesen sich als dauerhaft. Das Fideikommiss, die Zusammenführung der Besitzungen und die Neuordnung des Gutsbetriebes ermöglichten es den nachfolgenden Generationen, Angern bis in das 20. Jahrhundert als geschlossenen Familienbesitz zu erhalten.

Die Geschichte Angerns reicht von den ersten nachweisbaren Siedlungen bis in die Gegenwart. Die folgenden Kapitel geben einen chronologischen Überblick über die Entwicklung von Dorf, Burg, Schloss, Park und Familie von der Schulenburg.