Das 20. Jahrhundert

Das 20. Jahrhundert war für Angern von Krieg, Enteignung und tiefgreifenden gesellschaftlichen Umbrüchen geprägt. Schloss, Park und Gut verloren ihre ursprüngliche Funktion und wurden neuen Nutzungen angepasst.

Mit der deutschen Wiedervereinigung begann zugleich ein neues Kapitel, das die Erforschung, Erhaltung und Wiederbelebung des historischen Ensembles in den Mittelpunkt rückte.

1921

Mit dem Tod des Fideikommissherrn Friedrich Wilhelm Christoph Daniel von der Schulenburg am 24. März 1921 stand die Zukunft des Familienbesitzes vor einer entscheidenden Weichenstellung. Sein Tod erfolgte nur wenige Tage vor dem Inkrafttreten der gesetzlichen Bestimmungen zur Auflösung der Fideikommisse, wodurch die bestehende Vermögensordnung zunächst erhalten blieb.

Um die Fortführung des Familienbesitzes sicherzustellen, beschloss die Familie am 15. Juni 1921 Änderungen der bisherigen Fideikommissbestimmungen. Nach der Bestätigung durch das Auflösungsamt in Naumburg wurden diese am 2. September 1921 rechtskräftig.

Die Vorgänge des Jahres 1921 markieren einen wichtigen Abschnitt in der Geschichte des Hauses Angern. Sie verdeutlichen die Anpassung traditioneller Besitz- und Erbstrukturen an die rechtlichen und gesellschaftlichen Veränderungen der Zeit nach dem Ende des Deutschen Kaiserreiches und trugen wesentlich zum Fortbestand des Familienbesitzes bei.

1946

Im Zuge der Neuordnung des Familienbesitzes wurden die drei Schwestern Graf Sigurd-Wilhelms mit den Einkünften aus den verpachteten landwirtschaftlichen Flächen des Vorwerks Ellersell abgefunden, die als Allodialbesitz geführt wurden. Im Gegenzug übertrugen sie ihre Eigentumsanteile an Sigurd-Wilhelm Graf von der Schulenburg, wodurch die Besitzverhältnisse innerhalb der Familie neu geordnet wurden.

Sigurd-Wilhelm Graf von der Schulenburg (1882–1956) war der letzte Fideikommissherr auf Angern. Nach dem Tod seines Vaters Friedrich Wilhelm Christoph Daniel von der Schulenburg im Jahr 1921 übernahm er Schloss, Park, Gut und Forst. Seine Lebenszeit umfasste den Untergang des Deutschen Kaiserreiches, die politischen Umbrüche der Weimarer Republik, den Zweiten Weltkrieg sowie die Enteignung des Familienbesitzes nach 1945.

Das Ende der jahrhundertelangen Verbindung zwischen der Familie von der Schulenburg und Angern erfolgte nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Rahmen der Bodenreform in der Sowjetischen Besatzungszone wurde Graf Sigurd-Wilhelm von der Schulenburg am 4. Januar 1946 aus Angern ausgewiesen. Das Rittergut wurde entschädigungslos enteignet. Nach 13 Generationen und nahezu fünf Jahrhunderten – insgesamt 498 Jahren – endete damit die Zugehörigkeit des Gutes zum Familienbesitz.

Die landwirtschaftlichen Flächen wurden aufgeteilt und an Neubauern vergeben, während die Waldflächen in staatlichen Besitz übergingen. Schloss, Park und Gutshof verloren ihre bisherige Funktion und wurden in den folgenden Jahrzehnten unterschiedlich genutzt. Die Enteignung von 1946 stellt damit einen der tiefsten Einschnitte in der Geschichte Angerns seit den Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges dar.

Die Erfahrungen dieser Zeit hielt Sigurd-Wilhelm später in persönlichen Aufzeichnungen fest. Sie zählen heute zu den wichtigsten zeitgenössischen Zeugnissen über die letzten Jahre des Familienbesitzes, das Kriegsende und die Enteignung in Angern.

1949

Nach der Enteignung wurde das Schloss Angern im Jahr 1949 zu einer Fachschule für Landwirtschaft umgewandelt. Damit erhielt die Anlage eine neue öffentliche Funktion und wurde über Jahrzehnte als Bildungsstandort genutzt. Ab 1966 diente das Schloss als Berufsschule für den Meliorationsbau, einem in der DDR bedeutenden Bereich zur Verbesserung landwirtschaftlicher Nutzflächen.

Die Anpassung des Gebäudes an den Schulbetrieb erforderte zahlreiche bauliche Veränderungen. Durch den Einbau zusätzlicher Zwischenwände und Zwischendecken wurde die historische Raumstruktur teilweise überformt. Gleichzeitig entstanden im Park zusätzliche Schulgebäude und Baracken, die das Erscheinungsbild der historischen Anlage veränderten.

Trotz dieser Eingriffe blieben wesentliche Teile der historischen Ausstattung erhalten. Dazu gehören Stuckarbeiten, Holzvertäfelungen, Teile der barocken Raumstruktur sowie das historische Treppengeländer. Diese erhaltenen Elemente bilden heute eine wichtige Grundlage für die denkmalgerechte Erforschung und Sanierung des Schlosses.

Die jahrzehntelange Nutzung als Schule veränderte die Anlage nachhaltig, trug zugleich jedoch dazu bei, dass das Schloss kontinuierlich genutzt und unterhalten wurde. Die Geschichte dieser Umnutzung spiegelt die politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen des 20. Jahrhunderts ebenso wider wie den fortwährenden Wandel historischer Bauwerke.

1997

Im Mai 1997, mehr als fünfzig Jahre nach der Enteignung, erwarb die Familie von der Schulenburg Schloss und Park Angern zurück. Nach Jahren des Leerstandes befand sich die Anlage in einem kritischen Zustand. Vandalismus und schwerer Hausschwammbefall bedrohten die historische Bausubstanz, sodass umfangreiche Sicherungs- und Sanierungsmaßnahmen erforderlich wurden.

Mit Unterstützung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, des Landes Sachsen-Anhalt und des Landkreises konnten die dringend notwendigen Restaurierungsarbeiten beginnen. Neben der Erneuerung der Dächer und der technischen Infrastruktur wurde das Schloss schrittweise denkmalgerecht instand gesetzt und einer neuen Nutzung zugeführt.

Heute verbindet die Anlage historische Bausubstanz mit zeitgemäßer Nutzung. Gleichzeitig gelang es der Familie, die während der Bodenreform enteigneten Waldflächen wieder zurückzuerwerben. Der Rückkauf von Schloss, Park und Wald markiert damit einen bedeutenden Wendepunkt in der Geschichte Angerns und schließt den Bogen zwischen Enteignung und Rückkehr der Familie im ausgehenden 20. Jahrhundert.

Die Geschichte Angerns reicht von den ersten nachweisbaren Siedlungen bis in die Gegenwart. Die folgenden Kapitel geben einen chronologischen Überblick über die Entwicklung von Dorf, Burg, Schloss, Park und Familie von der Schulenburg.