Das 17. Jahrhundert

Das 17. Jahrhundert war für Angern von Krieg, Zerstörung und Wiederaufbau geprägt. Die Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges trafen Burg, Dorf und Gut schwer, veränderten die mittelalterliche Anlage jedoch nicht vollständig. Auf den erhaltenen Bauresten entwickelte sich in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts eine neue Wohn- und Wirtschaftsanlage, die den Übergang von der mittelalterlichen Burg zur frühneuzeitlichen Gutsherrschaft einleitete.

1618: Beginn des Dreißigjährigen Kriegs

Mit dem Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges im Jahr 1618 begann eine der schwersten Krisen der deutschen Geschichte. Der zunächst als Religions- und Verfassungskonflikt innerhalb des Heiligen Römischen Reiches entstandene Krieg weitete sich rasch zu einem gesamteuropäischen Machtkampf aus und verwüstete weite Teile Mitteleuropas.

Auch die Altmark blieb von den Auswirkungen des Krieges nicht verschont. Durch Truppendurchzüge, Einquartierungen, Kontributionsforderungen und militärische Operationen gerieten zahlreiche Dörfer, Städte und Adelssitze unter erheblichen Druck. Die wirtschaftlichen Grundlagen der Region wurden nachhaltig geschädigt, während Hunger, Krankheiten und Bevölkerungsverluste das Leben der Einwohner belasteten.

Für Angern begann damit eine Epoche tiefgreifender Unsicherheit. Die Burg blieb als befestigter Herrschaftssitz von strategischer Bedeutung und rückte dadurch in den Fokus militärischer Ereignisse. Die Folgen des Krieges sollten die Entwicklung von Burg, Dorf und Rittergut nachhaltig prägen und fanden ihren dramatischen Höhepunkt in den Zerstörungen des Jahres 1631.

1620: Kriegswirren und Belastungen

Bereits in den 1620er Jahren machten sich die Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges in der Altmark bemerkbar. Wiederholte Truppendurchzüge, Einquartierungen und die Erhebung von Kontributionen belasteten die Bevölkerung zunehmend. Sowohl kaiserliche als auch gegnerische Verbände beanspruchten Versorgung, Unterkünfte und Transportleistungen, wodurch die wirtschaftlichen Ressourcen der Region stark beansprucht wurden.

Für die Bewohner Angerns bedeutete dies eine Zeit wachsender Unsicherheit. Landwirtschaftliche Arbeiten wurden erschwert, Viehbestände gingen verloren und die Versorgungslage verschlechterte sich. Wie in vielen Teilen Mitteldeutschlands führten Kriegseinwirkungen, Seuchen und Versorgungsengpässe zu erheblichen sozialen und wirtschaftlichen Belastungen.

Obwohl Burg und Dorf Angern zunächst von einer vollständigen Zerstörung verschont blieben, verschärfte sich die Lage mit fortschreitender Kriegsdauer zunehmend. Die Ereignisse der 1620er Jahre bildeten den Auftakt jener Entwicklung, die 1631 in den Angriffen auf Burg und Ort ihren dramatischen Höhepunkt fand.

1631: Zerstörung von Ort und Burg

Im Juli 1631 wurde die Burg Angern während des Dreißigjährigen Krieges durch Truppen des kaiserlichen Generals Heinrich von Holk angegriffen. Das sogenannte Holksche Regiment galt als eines der gefürchtetsten Verbände des Krieges und war für seine verheerenden Straf- und Plünderungszüge in Mitteldeutschland bekannt.

Aufgrund ihrer strategischen Lage wurde auch die Burg Angern Ziel eines nächtlichen Angriffs. Die Kampfhandlungen führten zu schweren Schäden an der Burganlage und dem angrenzenden Ort. Nach den vorliegenden Befunden wurden Teile der mittelalterlichen Bausubstanz durch Brand zerstört.

Archäologische Funde belegen die Heftigkeit der Auseinandersetzung. Im Bereich des späteren Lustgartens wurden Musketenkugeln, Waffenreste und menschliche Überreste entdeckt, die mit den Kampfhandlungen des Jahres 1631 in Verbindung gebracht werden. Die Funde stellen einen seltenen materiellen Nachweis der Kriegseinwirkungen auf eine altmärkische Niederungsburg dar.

Die Folgen für Angern waren schwerwiegend. Burg, Dorf und Wirtschaftsbetriebe erlitten erhebliche Schäden. Die landwirtschaftliche Produktion kam weitgehend zum Erliegen, zahlreiche Bewohner flohen oder kamen infolge der Kriegseinwirkungen ums Leben. Auch umliegende Orte wie Wenddorf, Schricke und Kehnert wurden von durchziehenden Truppen verwüstet.

Besonders betroffen war Henning (III) von der Schulenburg, der die Herrschaft Angern zu dieser Zeit besaß. Trotz der Kriegsereignisse blieb die Familie zunächst weiterhin in Angern ansässig. Erst in den folgenden Jahren führten die anhaltenden Belastungen des Krieges zu einem weitgehenden Niedergang von Dorf und Gut.

Die Zerstörungen von 1631 markieren einen entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte der Burg Angern. Viele Bereiche der mittelalterlichen Anlage wurden dauerhaft verändert oder aufgegeben. Gleichzeitig zeigen spätere Quellen, dass einzelne Teile der Burg – darunter Gewölbe und der sogenannte alte Turm – weiterhin bestanden und in die nachfolgenden Bauphasen einbezogen wurden.

1637-1650 Wiederbesiedlung nach den Kriegsverwüstungen

Die Jahre nach den Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges waren für Angern von einem nur langsamen Wiederaufbau geprägt. Zeitgenössische Überlieferungen berichten, dass Dorf und Gut zeitweise nahezu verlassen waren und zahlreiche Ackerflächen brachlagen. Der Mangel an Arbeitskräften erschwerte die Wiederaufnahme der Landwirtschaft erheblich und beeinträchtigte die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Herrschaft über viele Jahre.

Wie in vielen Teilen der Altmark wirkten die Folgen des Krieges weit über das Ende der eigentlichen Kampfhandlungen hinaus. Neben den unmittelbaren Zerstörungen belasteten auch Bevölkerungsverluste, Viehmangel, verwüstete Wirtschaftsgebäude und die Unterbrechung traditioneller Handels- und Versorgungswege die Entwicklung des Ortes. Zahlreiche Hofstellen mussten neu besetzt oder wieder aufgebaut werden.

Erst in den 1640er und 1650er Jahren stabilisierten sich die Verhältnisse allmählich. Mit der Rückkehr von Einwohnern und der Wiederaufnahme der Bewirtschaftung begann eine langsame wirtschaftliche Erholung. Diese Wiederaufbauphase bildete die Voraussetzung für die spätere Entwicklung Angerns zu einer leistungsfähigen Gutsherrschaft und für die bauliche Erneuerung der auf den Resten der mittelalterlichen Burg entstandenen Wohnanlage.

1648: Westfälischer Frieden

Der Westfälische Frieden von 1648 beendete den langjährigen und zerstörerischen Dreißigjährigen Krieg, der weite Teile Mitteleuropas, darunter auch die Altmark, schwer verwüstet hatte.

Für Angern markierte dieses Ereignis den Beginn einer Phase der langsamen Wiederherstellung, in der sowohl die zerstörte Infrastruktur als auch die soziale Ordnung Stück für Stück wieder aufgebaut wurden. Die Bevölkerung war durch Krieg, Hunger und Flucht stark dezimiert, sodass die ökonomische Erholung lange Zeit nur schleppend verlief.

Eine Kirchenvisitation im Jahr 1650 dokumentierte den Zustand der Burg Angern und bestätigte die teilweise Wiederbewohnbarkeit der Anlage trotz der vorherigen Zerstörungen. Dieser Bericht ist ein wichtiges zeitgenössisches Zeugnis für den Beginn des Wiederaufbaus und der Normalisierung in der Region.

Die schwierigen Nachkriegsjahre waren geprägt von einem langsamen Prozess der Rekonstruktion, der sich sowohl in der baulichen Instandsetzung der Burg und der Siedlung als auch in der Wiederaufnahme landwirtschaftlicher und wirtschaftlicher Aktivitäten zeigte. Angern blieb dabei ein zentraler Ort für Verwaltung und Herrschaftsausübung in der Altmark.

1650: Das neue Wohnhaus auf der Turminsel

Nach den schweren Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges begann in Angern schrittweise der Wiederaufbau. Dabei wurden die erhaltenen Teile der mittelalterlichen Burg nicht aufgegeben, sondern weiterhin genutzt. Zu den überlieferten Resten gehörten insbesondere das Turmgewölbe, das angrenzende Tonnengewölbe sowie weitere Keller- und Mauerstrukturen der ehemaligen Burganlage.

Auf dieser Grundlage entstand in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts eine neue Wohn- und Wirtschaftsanlage, die eine bauliche Zwischenstufe zwischen der mittelalterlichen Burg und dem späteren barocken Schloss darstellt. Die Anlage bestand aus einem zweigeschossigen Haupthaus, einem Nebengebäude sowie dem weiterhin bestehenden Turm, der trotz des Verlustes seiner ursprünglichen Wehrfunktion in das neue Ensemble einbezogen wurde. Die Lage der Gebäude orientierte sich dabei weiterhin an der mittelalterlichen Turminsel und den erhaltenen Fundamentstrukturen.

Das Haupthaus diente als Wohn- und Verwaltungssitz der Gutsherrschaft. Die überlieferten Inventare nennen unter anderem Speise- und Wohnstuben, Kammern, Küchenräume, Kornböden und weitere Funktionsräume. Die Ausstattung war zweckmäßig, zugleich jedoch dem Stand einer altmärkischen Adelsfamilie angemessen. Kachelöfen, Möbel, Tafelgerät, Textilien und Haushaltsgegenstände belegen einen kontinuierlichen Wohnbetrieb trotz der Kriegsfolgen.

Auch der mittelalterliche Turm blieb weiterhin nutzbar. Mehrere beheizbare Räume, Fensteröffnungen und ein eigener Abtritt zeigen, dass er nicht nur als Relikt der Burg bestehen blieb, sondern weiterhin Wohn- und Lagerzwecken diente. Damit stellt er ein seltenes Beispiel für die Umnutzung eines ehemaligen Wehrturmes innerhalb einer frühneuzeitlichen Gutshofanlage dar. Die bauhistorischen Befunde zum Wehrturm der Burg Angern verdeutlichen diese außergewöhnliche Nutzungskontinuität.

Die Wiederverwendung der mittelalterlichen Bausubstanz prägte die weitere Entwicklung Angerns nachhaltig. Anstelle eines vollständigen Neubaus wurden vorhandene Mauern, Gewölbe und Fundamentbereiche in die neue Anlage integriert. Diese Kontinuität erklärt, weshalb sich wesentliche Teile der mittelalterlichen Burg bis heute innerhalb späterer Bauphasen nachweisen lassen. Besonders deutlich wird dies anhand der Befunde zum Aufbau der Hauptburg, zur Turminsel sowie zu den erhaltenen Gewölbeanlagen.

Die Anlage des 17. Jahrhunderts bildete zugleich die unmittelbare bauliche Grundlage für den späteren Schlossneubau des 18. Jahrhunderts. Bauhistorische Untersuchungen belegen, dass mittelalterliche Mauern, Kellergewölbe und Teile der aufgehenden Bausubstanz in die spätere Schlossanlage übernommen wurden. Damit dokumentiert Angern in außergewöhnlicher Weise die bauliche Entwicklung von der mittelalterlichen Wasserburg über den frühneuzeitlichen Gutshof bis zum barocken Schloss.

1674: Gut Vergunst und die Kossaten

Das Gut Vergunst blieb bis 1738 im Besitz des älteren Zweiges der Familie von der Schulenburg. Die Eigentümer hielten sich jedoch meist nicht dauerhaft in Angern auf, sodass die Verwaltung durch Amtmänner und Verwalter erfolgte. Das Gut bildete einen eigenständigen Bestandteil der Angerner Herrschaft und verfügte über eigene Wirtschaftsflächen sowie abhängige Hofstellen.

Ein erhaltenes Dienstbuch aus dem Jahr 1674 vermittelt einen seltenen Einblick in die Wirtschafts- und Sozialgeschichte Angerns. Zu diesem Zeitpunkt waren dem Gut sechs dienstpflichtige Kossatenhöfe zugeordnet. Die Bewohner bewirtschafteten eigene kleine Hofstellen, waren jedoch gleichzeitig zu umfangreichen Arbeitsleistungen für das Gut verpflichtet.

Die Kossaten verrichteten regelmäßig Hand- und Spanndienste. Zu ihren Aufgaben gehörten Mähen, Harken, Garbenbinden und andere landwirtschaftliche Arbeiten. Während der Erntezeit erhöhte sich die Zahl der Diensttage deutlich. Wer über ein eigenes Gespann verfügte, konnte statt der Handdienste Spanndienste leisten und damit einen erheblichen Beitrag zur Bewirtschaftung der Gutsländereien erbringen.

Das Dienstbuch dokumentiert zugleich die Versorgungsleistungen des Gutshofes. Während der Arbeit erhielten die Kossaten warme Mahlzeiten und Bier. Genannt werden unter anderem Hirsegrütze, Rübenfleisch und Braunkohl. Die Verpflegung war Bestandteil der traditionellen Gutsherrschaft und sollte die Arbeitsfähigkeit der Dienstpflichtigen sichern.

Auch außerhalb der Feldarbeit bestanden zahlreiche Verpflichtungen. In den Wintermonaten waren die Kossaten unter anderem für Holzfällarbeiten, die Ausbesserung von Gebäuden sowie die Errichtung und Instandhaltung von Flechtzäunen aus Haselruten zuständig. Das Gut verfügte darüber hinaus über eigenes Gesinde und beschäftigte bei Bedarf zusätzliche Tagelöhner.

Die Überlieferung aus dem Jahr 1674 vermittelt damit ein anschauliches Bild der frühneuzeitlichen Gutsherrschaft in Angern. Sie dokumentiert die enge Verflechtung von Gut, Dorf und bäuerlicher Bevölkerung und verdeutlicht zugleich die wirtschaftlichen Grundlagen, auf denen die Schulenburgischen Besitzungen nach den Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges wieder aufgebaut wurden.

1677: Bau einer neuen Scheune

Ein anschauliches Bild des Wirtschaftslebens auf dem Gut Vergunst vermittelt eine Quelle aus dem Jahr 1677. Nachdem die alte Scheune während des Winters eingestürzt war, wurde der Bau eines neuen Wirtschaftsgebäudes beschlossen. Bereits Ende Januar begann der Transport von Eschenholz aus dem Buktum, das als wichtiger Holzlieferant für die Angerner Besitzungen diente.

In den folgenden Monaten wurden zusätzlich Eichen im Ramstedter Forst geschlagen und zur Baustelle gebracht. Die Überlieferung verdeutlicht den erheblichen Aufwand eines solchen Bauvorhabens. Die Baumstämme besaßen teilweise beträchtliche Ausmaße, sodass mehrere Gespanne erforderlich waren, um das Holz nach Vergunst zu transportieren.

Im März wurde die alte Scheune vollständig abgetragen und das gewonnene Bauholz von Zimmerleuten vorbereitet. Am 14. Mai begann schließlich die Aufrichtung des Neubaus. Innerhalb weniger Tage entstand unter Beteiligung zahlreicher Bewohner der Herrschaft ein neues Wirtschaftsgebäude.

Die Quellen nennen neben den Bauern und Kossaten auch die beiden Wassermüller, den Knecht des Pfarrers sowie verschiedene Handwerker, darunter einen Schuster und einen Schneider. Der Scheunenbau veranschaulicht damit die enge Zusammenarbeit der Dorfgemeinschaft bei größeren Bauvorhaben und zeigt zugleich, wie stark die wirtschaftliche Entwicklung der Gutsherrschaft von gemeinschaftlichen Arbeitsleistungen abhängig war.

Das Bauvorhaben ist darüber hinaus ein eindrucksvolles Zeugnis für die wirtschaftliche Erholung der Herrschaft Angern nach den Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges. Wenige Jahrzehnte nach den Kriegszerstörungen waren Gut und Dorf wieder in der Lage, größere Wirtschaftsgebäude zu errichten und die dafür notwendigen Arbeitskräfte und Ressourcen bereitzustellen (Rep. H Angern Nr. 260).

1680 Angern wird brandenburgisch-preußisch

Mit dem Tod des letzten Administrators des Erzstifts Magdeburg im Jahr 1680 wurde das Erzstift säkularisiert und als Herzogtum Magdeburg in den brandenburgisch-preußischen Staat eingegliedert. Auch Angern gehörte damit fortan zum Herrschaftsbereich Brandenburg-Preußens. Die politischen Rahmenbedingungen der Herrschaft änderten sich grundlegend, während die Schulenburgs ihre Stellung als lokale Grundherren behaupteten.

1693 – Erwerb des Lehngutes Mahlwinkel

Im Jahr 1693 gelangte das Lehngut Mahlwinkel in den Besitz der Angerner Linie der Familie von der Schulenburg. Mit dem Erwerb vergrößerte sich der Einflussbereich der Herrschaft Angern über die unmittelbare Umgebung des Stammsitzes hinaus.

Die Eingliederung Mahlwinkels stärkte die wirtschaftliche Grundlage der Herrschaft erheblich. Zusätzliche Ackerflächen, Abgaben und Nutzungsrechte erweiterten die Einkünfte der Familie und erhöhten die Bedeutung Angerns als Verwaltungszentrum der umliegenden Besitzungen.

Das Lehngut blieb bis 1723 mit Angern verbunden. Die zeitweilige Vereinigung beider Besitzkomplexe verdeutlicht die Bestrebungen der Familie von der Schulenburg, ihre Herrschafts- und Wirtschaftsgrundlage nach den Belastungen des Dreißigjährigen Krieges zu festigen und auszubauen.

Die Geschichte Angerns reicht von den ersten nachweisbaren Siedlungen bis in die Gegenwart. Die folgenden Kapitel geben einen chronologischen Überblick über die Entwicklung von Dorf, Burg, Schloss, Park und Familie von der Schulenburg.