Vermauerte Fensteröffnungen der Ringmauer und des Palas (Befunde E5–E6): Bauphasen, Funktionswandel und frühneuzeitliche Umnutzung der Burg Angern. Die vermauerten Fensteröffnungen in der westlichen und östlichen Ringmauer der Hauptburg Angern dokumentieren einen tiefgreifenden baulichen und funktionalen Wandel der Burganlage nach den Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges. Ihre Lage, Konstruktion und spätere Verschließung stehen wahrscheinlich im Zusammenhang mit der frühneuzeitlichen Nachnutzung der Burg sowie mit dem nach 1680 entstandenen Wohn- und Wirtschaftsbestand innerhalb der ehemaligen Hauptburg.
Besonders die südlichen Fensteröffnungen der Ostwand des Palas besitzen in diesem Zusammenhang erhebliche bauhistorische Aussagekraft. Ihre sekundäre Ausbildung spricht dafür, dass ältere mittelalterliche Mauerzüge im Zuge des Wiederaufbaus nach 1631 funktional angepasst und in neue Wohn- oder Wirtschaftszusammenhänge integriert wurden.
Befund E5: Fensteröffnungen der westlichen Ringmauer
Lage: Die Fensteröffnungen befinden sich innerhalb der westlichen Ringmauer der Hauptburg im Bereich einer sekundären Ziegelaufmauerung oberhalb eines älteren Bruchsteinsockels (vgl. Befund E3). Der Mauerzug verläuft entlang des ehemaligen Wassergrabens zur Vorburg und gehörte ursprünglich zur äußeren Begrenzung der Hauptburg.
Konstruktion: Die Öffnungen besitzen segmentbogige Abschlüsse mit radial gesetzten Ziegeln im Sturzbereich. Ausgebildete Werksteingewände fehlen vollständig. Die Laibungen bestehen aus grob zugeschnittenen Ziegeln unterschiedlicher Formate. Der Bogenverlauf wirkt teilweise unregelmäßig und zeigt lokal leichte Verformungen beziehungsweise sekundäre Ergänzungen.
Erhaltungszustand: Die Fenster sind heute vollständig vermauert. Das Füllmaterial besteht überwiegend aus kleinteiligem Ziegelbruch, dessen Verband, Materialität und Mörtelstruktur sich deutlich vom umgebenden Mauerwerk unterscheiden. Einzelne Bereiche zeigen nachträgliche Ausbesserungen und statische Sicherungen.
Bauanalytische Einordnung
Die Öffnungen gehören mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zur ursprünglichen hoch- beziehungsweise spätmittelalterlichen Bauphase der Ringmauer. Mehrere Befunde sprechen für eine sekundäre Einfügung:
- segmentbogige Ausbildung,
- unregelmäßige Ziegellaibungen,
- fehlende Werksteingewände,
- abweichende Mörtel- und Fugenbilder,
- Einbindung in sekundäre Ziegelzonen,
- fehlende konstruktive Verzahnung mit dem älteren Bruchsteinmauerwerk.
Besonders die unregelmäßige Ausbildung der Ziegelbögen spricht gegen eine bauzeitliche mittelalterliche Konstruktion. Die Öffnungen wirken vielmehr als pragmatische nachträgliche Einbauten innerhalb eines älteren Mauerzugs. Zusätzliche Bogenansätze oberhalb einzelner Fenster lassen auf spätere statische Sicherungen, Reparaturen oder nachträgliche Entlastungsmaßnahmen schließen. Die Fenster sind daher als Bestandteil einer nachmittelalterlichen Umbau- oder Nachnutzungsphase zu interpretieren. Ihre Entstehung dürfte im Zusammenhang mit der funktionalen Umgestaltung der Burganlage nach den Zerstörungen des Jahres 1631 stehen.


Funktionale Interpretation
Die Lage der Öffnungen im unteren beziehungsweise mittleren Wandbereich sowie ihre vergleichsweise einfache Ausführung sprechen eher für Licht-, Belüftungs- oder Funktionsöffnungen innerhalb wirtschaftlich genutzter Räume als für repräsentative Wohnfenster.
Die Fenster dokumentieren damit wahrscheinlich die Umnutzung der ehemaligen Ringmauer in Verbindung mit frühneuzeitlichen Wirtschafts-, Lager- oder Nebenräumen innerhalb der Hauptburg. Die sekundären Öffnungen könnten in Zusammenhang mit dem nach 1680 entstandenen Wohn- und Wirtschaftskomplex stehen, bei dem ältere mittelalterliche Mauerzüge funktional weiterverwendet wurden.
Die Öffnungen könnten darüber hinaus klimatischen Zwecken gedient haben, insbesondere der Belüftung und Trocknung funktional genutzter Räume innerhalb der feuchtebelasteten Niederungsburganlage.
Eine bauzeitliche Wehrfunktion der Öffnungen ist aufgrund ihrer Konstruktion, ihrer Größe sowie ihrer Lage innerhalb des Mauerverbands auszuschließen. Für hochmittelalterliche Wehrarchitektur wären stattdessen schmale Schlitz- oder Schartenöffnungen zu erwarten.
Der heutige Erhaltungszustand der westlichen Ringmauer spricht mit hoher Wahrscheinlichkeit dafür, dass wesentliche Teile der mittelalterlichen Mauerstruktur die Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges zumindest im unteren Bereich überstanden haben. Insbesondere der massive Bruchsteinsockel weist eine weitgehend homogene Materialität und Lagerung auf und zeigt keine Hinweise auf eine vollständige frühneuzeitliche Neuerrichtung. Die unregelmäßige Feldsteinstruktur, die langfristigen Verformungen sowie die deutlichen Feuchte- und Erosionsspuren sprechen vielmehr für eine über längere Zeit gewachsene mittelalterliche Substanz. Die oberen Ziegelbereiche dokumentieren vielmehr spätere Reparatur-, Stabilisierungs- und Wiederaufbauphasen, bei denen die ältere Wehrmauer funktional weitergenutzt und in frühneuzeitliche Wirtschafts- und Wohnstrukturen integriert wurde.
Die heutige Eckausbildung dürfte das Ergebnis mehrerer Bau- und Reparaturphasen sein, bei denen ältere mittelalterliche Mauerbereiche wiederverwendet und stabilisiert wurden.
Kontext und Datierung
Die Fenster stehen wahrscheinlich im Zusammenhang mit der frühneuzeitlichen Nachnutzung der Burganlage nach dem Dreißigjährigen Krieg. Besonders die Zeit zwischen etwa 1650 und 1735 erscheint für ihre Entstehung plausibel. Die sekundären Ziegelzonen sowie die improvisiert wirkende Ausbildung der Bögen sprechen für pragmatische Reparatur- und Umbauphasen innerhalb einer wirtschaftlich und funktional geprägten Wiederaufbausituation. Die spätere Vermauerung der Öffnungen dokumentiert wiederum eine erneute Veränderung der Nutzung beziehungsweise der inneren Raumstruktur.
Bewertung
Die Fensteröffnungen der westlichen Ringmauer sind als sekundäre Einbauten anzusprechen, die wahrscheinlich im Zusammenhang mit der frühneuzeitlichen Nachnutzung und Umgestaltung der Burganlage entstanden. Sie dokumentieren den tiefgreifenden Funktionswandel der Ringmauer von einer primär defensiven Struktur zu einem Bestandteil wirtschaftlicher oder wohnbezogener Nutzungseinheiten.
Besonders bemerkenswert ist die Überlagerung mehrerer Bau- und Nutzungsphasen: mittelalterliches Bruchsteinmauerwerk, sekundäre Ziegelumbauten, spätere statische Sicherungen sowie abschließende Vermauerungen verbinden sich hier zu einem vielschichtigen bauhistorischen Befund.
Die Fensteröffnungen stellen damit ein wichtiges Indiz für die schrittweise Transformation der Burg Angern von einer hochmittelalterlichen Wehranlage zu einem frühneuzeitlich umgenutzten Wohn- und Wirtschaftskomplex dar.
Befund E6: Fensteröffnungen der östlichen Ringmauer / Palaswand
Lage: Die Fenster befinden sich innerhalb des östlichen Mauerzugs des Palas, dessen Außenwand zugleich Teil der äußeren Begrenzung der Hauptburg ist (vgl. Befund D1).
Differenzierung: Innerhalb der Ostwand lassen sich bauzeitliche und sekundäre Öffnungen unterscheiden:
- Die nördlichen Öffnungen erscheinen als schmale, hochrechteckige beziehungsweise schlitzartige bauzeitliche Lichtöffnungen.
- Die südlichen Fenster zeigen dagegen eindeutige sekundäre Veränderungen.
Konstruktion: Die sekundären Öffnungen sind segmentbogig ausgebildet und mit unregelmäßigem Ziegelmaterial vermauert. Die Laibungen unterscheiden sich deutlich vom umgebenden Mischmauerwerk.
Bauanalytische Einordnung
Das unregelmäßige Fugenbild, die sekundären Ziegelverbände sowie Unterschiede in Mörtel und Materialität sprechen eindeutig gegen eine bauzeitliche Entstehung der südlichen Öffnungen. Die ursprünglichen Öffnungen wurden offenbar nicht vollständig entfernt, sondern lediglich sekundär verschlossen. Dadurch blieb die ältere Mauerstruktur teilweise erhalten.

Zugemauerte Fenster in der Ostwand der Hauptburg.

Vermauertes Fenster im südlichen Bereich der Ostwand.
Funktionale Interpretation
Die sekundären Fensteröffnungen sind wahrscheinlich als Licht- oder Belüftungselemente innerhalb funktional genutzter Räume zu interpretieren. Ihre Lage, ihre relativ einfache Ausführung sowie die Einbindung in sekundäre Umbauzonen sprechen eher für wirtschaftliche oder alltagsbezogene Nutzung als für repräsentative Wohnarchitektur. Besonders bemerkenswert ist dabei der Zusammenhang mit dem archivalisch belegten frühneuzeitlichen Wiederaufbau der Burg nach dem Dreißigjährigen Krieg.
Frühneuzeitlicher Wiederaufbau und möglicher Zusammenhang mit dem Neubau um 1680
Die sekundären Fensteröffnungen der Ostwand könnten in direktem Zusammenhang mit dem nach 1680 entstandenen Wohn- und Wirtschaftsbestand der Burg Angern stehen. Nach dem Rückerwerb des Besitzes durch Heinrich XI (1621-1691) von der Schulenburg entstand offenbar ein neuer frühneuzeitlicher Wohnkomplex der Nachkriegsphase 1631–1735 innerhalb der älteren Burganlage. Archivalische Quellen beschreiben ein Ensemble aus:
- zweigeschossigem Haupthaus,
- einstöckigem Nebengebäude,
- und dem dazwischenstehenden Rest des alten Turms.
Vor diesem Hintergrund erscheint es plausibel, dass Teile der älteren Ringmauer und der Palasaußenwände funktional in diese neue Wohn- und Wirtschaftsstruktur integriert wurden. Die sekundären Fensteröffnungen der Ostwand könnten daher Bestandteil dieser frühneuzeitlichen Nachnutzung gewesen sein. Sie hätten dann der Belichtung oder Belüftung neu entstandener Räume innerhalb des wiederverwendeten mittelalterlichen Baukörpers gedient.

Digitale Rekonstruktion des Wohnhauses an der östlichen Ringmauer mit Turmstumpf
Mehrere Aspekte sprechen für diese Interpretation:
- die sekundäre Ausbildung der Fenster,
- die fehlende Wehrfunktion,
- die Lage innerhalb wirtschaftlich nutzbarer Erdgeschossbereiche,
- die zeitliche Einordnung der Umbauphasen zwischen etwa 1650 und 1735,
- die archivalisch belegten Baumaßnahmen und Geländeveränderungen.
Die sekundären Fensteröffnungen sprechen möglicherweise dafür, dass ältere Mauerzüge der Hauptburg gezielt in den frühneuzeitlichen Wohn- und Wirtschaftsbestand integriert wurden. Direkte bauarchäologische Nachweise für eine konkrete Zuordnung zum Neubau um 1680 liegen bislang jedoch nicht vor. Die Interpretation beruht daher auf funktionalen und typologischen Zusammenhängen sowie auf der Überlagerung archivalischer und baulicher Befunde.
Bauhistorische Gesamtbewertung
Die vermauerten Fensteröffnungen der westlichen und östlichen Ringmauer gehören zu den wichtigsten Befunden für die Rekonstruktion der frühneuzeitlichen Umbau- und Nachnutzungsphasen der Burg Angern. Sie dokumentieren den Übergang von mittelalterlicher Wehrarchitektur zu funktional angepassten Wohn-, Wirtschafts- und Lagerstrukturen der frühen Neuzeit. Die Einfügung größerer Fensteröffnungen markiert zugleich den Übergang von einer primär defensiven Wehrarchitektur zu einer funktional und wirtschaftlich geprägten Nachnutzung der Anlage.
Besonders die Fenster der Ostwand besitzen erhebliche bauhistorische Aussagekraft, da sie möglicherweise unmittelbar mit dem nach 1680 entstandenen Wohnbestand innerhalb der Hauptburg verbunden waren. Die Befunde zeigen zugleich, dass die mittelalterliche Ringmauer nicht als statischer Wehrbau erhalten blieb, sondern über Jahrhunderte hinweg funktional angepasst, repariert und umgenutzt wurde. Die Kombination aus:
- bauzeitlicher Feldsteinstruktur,
- sekundären Ziegelumbauten,
- vermauerten Öffnungen,
- und frühneuzeitlicher Nachnutzung
macht die Ringmauer der Burg Angern zu einem außergewöhnlich aussagekräftigen Bauzeugnis langfristiger Transformationsprozesse innerhalb hoch- und spätmittelalterlicher Niederungsburgen.
Quellen
- Gutsarchiv Angern, Rep. H Nr. 412, Nr. 2 und Nr. 4 (1737).
- Gutsarchiv Angern, Rep. H Nr. 79.
- Dorfchronik Angern.
- Ziegel mit Prägung „Kehnert“ (eigene Untersuchung).