Treppenanlage im Palas der Burg Angern (Befund C1)
Die vertikale Erschließung des Palas der Burg Angern erfolgt über eine fest eingebaute Innentreppe, die das tonnengewölbte Erdgeschoss mit dem darüberliegenden Obergeschoss verbindet. Die bauliche Einbindung sowie der Erhaltungszustand erlauben differenzierte Rückschlüsse auf die ursprüngliche Erschließungsstruktur und Nutzung des Palas im 14. Jahrhundert.
Befund C1: Treppenanlage im Palas der Burg Angern
Befundbeschreibung
Lage und Kontext: Die Treppenanlage befindet sich rechts des Hauptzugangs vom Innenhof und stellt den primären Zugang vom tonnengewölbten Erdgeschoss in das erste Obergeschoss dar. Sie ist unmittelbar vom zentralen Flurbereich aus zugänglich und verbindet den wirtschaftlich genutzten unteren Raum mit den darüberliegenden Wohn- und Repräsentationsbereichen.

Treppe vom Erdgeschoss in das Obergeschoss des Palas
Bauanalytische Einordnung
Typologie: Es handelt sich um eine einläufige, innenliegende Treppenanlage ohne Zwischenpodest, wie sie für funktionale Erschließungssysteme in Palasbauten des 13. und 14. Jahrhunderts charakteristisch ist.
Konstruktion und Material: Die Treppe besteht aus massiv gearbeiteten Sandsteinstufen, die in eine beidseitig begrenzte Wandführung eingebunden sind. Die seitlichen Wangen sind nicht als eigenständige, regelmäßig gemauerte Bauteile ausgebildet, sondern Teil des umgebenden Mauerwerks. Die Treppe ist als bauzeitliches Erschließungselement zu interpretieren, während die heute sichtbaren Sandsteinstufen vermutlich einer späteren Erneuerungsphase angehören. Diese Unterscheidung zwischen konstruktiver Struktur und sichtbarer Oberfläche ist für die bauarchäologische Bewertung von zentraler Bedeutung.
Konstruktive Einbindung: Die Treppe ist vollständig in den Mauerwerkskörper integriert und verläuft innerhalb eines schmalen, nach oben führenden Schachtes. Der untere Abschnitt liegt unmittelbar unterhalb des Gewölbeansatzes des Erdgeschosses. Dieser konstruktive Zusammenhang zeigt, dass die Treppe in die Gesamtplanung des Gewölbes einbezogen war und nicht als späterer Einbau anzusprechen ist.
Tragverhalten: Die Lastabtragung erfolgt über die seitlichen Mauerwerksflächen, in die die Sandsteinstufen eingespannt sind. Zusätzliche Stützelemente sind nicht vorhanden, was auf eine konstruktiv einfache, aber effektive Lösung hinweist.
Erhaltungszustand: Die Stufen weisen deutliche, gleichmäßige Abnutzungsspuren auf, insbesondere im mittleren Trittbereich. Diese Nutzungsspuren belegen eine langfristige Verwendung der Treppe in unveränderter Funktion. Hinweise auf spätere Umbauten oder grundlegende Veränderungen der Konstruktion sind nicht erkennbar.
Bauhistorische Einordnung
Die Lage der Treppe unmittelbar am Eingang, ihre vollständige Einbindung in den Mauerwerkskörper sowie der konstruktive Zusammenhang mit dem Gewölbeansatz sprechen dafür, dass sie bereits in die ursprüngliche Bauplanung des Palas integriert war. Die Materialwahl, die Ausführung und die fehlenden Spuren sekundärer Eingriffe stützen eine Einordnung in die Bauphase des 14. Jahrhunderts. Eine eindeutige Datierung ist jedoch mangels freiliegender Bauanschlüsse nicht möglich.
Innenliegende Treppenanlagen sind für Palasbauten des 13. und 14. Jahrhunderts grundsätzlich belegt und stellen ein zentrales Element der vertikalen Erschließung dar. Die konkrete Ausführung ist regional unterschiedlich und häufig durch spätere Umbauten überprägt, sodass typologische Vergleiche nur eingeschränkt möglich sind. Der Befund in Angern fügt sich jedoch in dieses allgemeine Konstruktionsprinzip ein.
Funktionale Interpretation
Die Treppe ist als zentrales vertikales Erschließungselement des Palas zu interpretieren. Ihre Lage unmittelbar neben dem Eingang ermöglicht eine gezielte Kontrolle des Zugangs zum Obergeschoss.
Das Erdgeschoss diente vermutlich wirtschaftlichen Zwecken, insbesondere der Lagerung, während die oberen Geschosse Wohn- und Repräsentationsfunktionen erfüllten. Die Treppe bildet damit die funktionale Schnittstelle zwischen diesen Nutzungsebenen.
Darüber hinaus besitzt die Treppe eine strukturierende Funktion innerhalb des Baugefüges: Sie markiert den Übergang zwischen unterschiedlichen Nutzungsebenen und kann als bauliche Grenze zwischen funktionalem Erdgeschoss und höherwertigem Wohnbereich interpretiert werden.
Der Raum unterhalb der Treppe ist als konstruktiv bedingter Hohlraum zu verstehen, der sich aus der Einbindung der Treppe in den Mauerwerkskörper ergibt und keine eigenständige Nutzung erkennen lässt.
Bewertung
Die Treppenanlage stellt ein wesentliches Erschließungselement innerhalb des Palas dar. Ihre konstruktive Einbindung, die Nutzungsspuren sowie der Zusammenhang mit der Gewölbestruktur sprechen für eine Entstehung im Zuge der ursprünglichen Bauphase.
Der Befund liefert wichtige Hinweise zur inneren Organisation des Palas sowie zur funktionalen Gliederung der Geschosse. Als gut erhaltener Bestandteil der vertikalen Erschließung besitzt er eine hohe bauarchäologische Aussagekraft.
Eine weiterführende bauarchäologische Untersuchung, insbesondere der verdeckten Wandanschlüsse und Mörtelverbindungen, könnte eine genauere zeitliche Einordnung ermöglichen.
Quellen
- Eigene Befundaufnahme 2024–2025
- Dehio, Georg: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Brandenburg, München 2000, S. 11 (Burg Ziesar)
- Grimm, Paul: Die vor- und frühgeschichtlichen Burgwälle der Bezirke Halle und Magdeburg, Berlin 1958, S. 360 (Beetzendorf)
- Schmitt, Reinhard: „Befunde und Deutungen zu Keller- und Gangsystemen in mittelalterlichen Burgen“, in: Burgen und Schlösser in Sachsen-Anhalt, Bd. 14 (2005)