Die strategische Lage Angerns im Dreißigjährigen Krieg. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts war Angern Sitz eines ausgedehnten Lehngutes der Familie von der Schulenburg. Der Ort lag an der Grenze zwischen dem Kurfürstentum Brandenburg sowie den geistlichen Territorien Halberstadt und Magdeburg. Diese Grenzlage verlieh der Anlage eine besondere militärische Bedeutung. Die Burg war Teil eines befestigten Ensembles aus Hauptburg, Vorburg und Turminsel. In Zeiten konfessioneller Spannungen und ständig durchziehender Truppen entwickelte sich Angern zu einem strategisch sensiblen Punkt im regionalen Machtgefüge.
Kriegsbeginn und Vorzeichen (1618–1626)
Die Zerstörung Angerns im Jahr 1631
Wiederaufbau, Wirtschaft und soziale Ordnung nach dem Dreißigjährigen Krieg (1648–1701)
Militärische Präsenz in Burg Angern während des Spanischen Erbfolgekriegs

Die Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648) auf die altmärkischen Dörfer und Güter lassen sich exemplarisch am Beispiel Angerns nachvollziehen. Für diese Region ist die Quellenlage vergleichsweise dicht: Kirchenbücher, lokale Chroniken sowie das Gutsarchiv Angern dokumentieren nicht nur militärische Ereignisse, sondern auch tiefgreifende gesellschaftliche Umbrüche, Verluste und den mühsamen Wiederaufbau nach 1648.
Kriegsbeginn und Vorzeichen (1618–1626)
Zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges um 1618 wies die Burg Angern noch weitgehend die hochmittelalterliche Grundstruktur des 14. Jahrhunderts auf. Die Anlage gliederte sich in drei funktional differenzierte Bereiche: die Hauptburg mit dem Palas auf der zentralen Insel, die westlich vorgelagerte Vorburg mit Wirtschaftsgebäuden sowie eine eigenständige Turminsel mit dem Bergfried. Diese Dreiteilung entspricht dem klassischen Schema altmärkischer Niederungsburgen (Zeune 1994; Dehio 2002). Die umlaufenden Wassergräben waren vermutlich noch intakt und bildeten eine wirkungsvolle erste Verteidigungslinie. Die Baukörper bestanden aus massiven Bruchsteinmauern mit tonnengewölbten Untergeschossen, Schießscharten und kontrollierten Zugangszonen – Merkmale einer ursprünglich wehrhaften Konzeption. Gleichzeitig zeigte die Anlage bereits deutliche Defizite gegenüber den Anforderungen der frühen Neuzeit: Bastionäre Ausbauten, Erdwälle und Artillerieplattformen fehlten vollständig. Die vorhandenen Mauern boten modernen Feuerwaffen nur unzureichenden Widerstand. Zudem lag die Burg strategisch isoliert und war in kein übergeordnetes Verteidigungssystem eingebunden (Menzel 2017).
Bereits in den 1620er Jahren sind die indirekten Auswirkungen des Krieges greifbar. 1624 kam es zu einer vollständigen Missernte. 1625 erreichten erste kaiserliche Truppen Rogätz, wo eine Garnison eingerichtet wurde. Im folgenden Jahr drangen die Truppen des dänischen Generals Fuchs in die Region vor. Am 29. März 1626 wurde die Burg Rogätz gestürmt und zerstört, die Besatzung dabei grausam hingerichtet. Zeitgleich brannte auch die Kirche in Angern nieder. Zwei große Glocken schmolzen im Feuer, Bibliothek, Orgel, Kelche und weiteres Kirchengerät gingen verloren. Henning von der Schulenburg und Mitglieder der Gemeinde versuchten anschließend, das Gotteshaus notdürftig zu sichern.

Innenhof der Hauptburg Angern mit Palas und Bergfried
Die Zerstörung Angerns im Jahr 1631
Am 10. Mai 1631 fiel die protestantische Stadt Magdeburg nach wochenlanger Belagerung durch kaiserliche Truppen unter Johann t’Serclaes von Tilly und Gottfried Heinrich zu Pappenheim. Der anschließende Sturm führte zu einem der verheerendsten Ereignisse des Dreißigjährigen Krieges: Über 20.000 Menschen kamen ums Leben, große Teile der Stadt wurden geplündert und niedergebrannt. Die sogenannte „Magdeburger Hochzeit“, wie die Zerstörung zeitgenössisch bezeichnet wurde, erschütterte Europa nachhaltig.
Die an der Einnahme beteiligten Regimenter führten umfangreiche Beute mit sich, darunter Kunstgegenstände, liturgisches Gerät und Vorräte. Ein Teil dieser Truppen zog in den folgenden Wochen nordwärts in die Altmark. Es ist wahrscheinlich, dass auch der Raum Angern in diese Bewegungen einbezogen war, da die Region an wichtigen Marsch- und Versorgungswegen lag. Wie vielerorts im Reich erfolgte die Versorgung der Truppen überwiegend durch Einquartierung und Plünderung der umliegenden Ortschaften.
Am 16. und 17. Juli 1631 griffen schwedische Verbände unter Gustav II. Adolf die in der Altmark stationierten kaiserlichen Einheiten an. Ausgangspunkt war das schwedische Hauptquartier im Raum Tangermünde. Von dort brach eine mehrere tausend Mann starke Reitertruppe auf, die sich über Arneburg und Bellingen in Richtung Burgstall, Sandbeiendorf und Angern bewegte. Solche schnellen Vorstöße gehörten zu den typischen militärischen Operationen dieser Kriegsphase und zielten auf die Zerschlagung gegnerischer Stellungen sowie die Störung von Versorgungswegen.
Angern wurde zu diesem Zeitpunkt von kaiserlichen Truppen unter dem Kommando des Obristen Heinrich von Holk (1599–1633) gehalten. Der aus Dänemark stammende Offizier war nach dem Frieden von Lübeck (1629) in kaiserliche Dienste getreten und diente unter Tilly sowie Wallenstein. Zeitgenössische Berichte schildern seine Truppen als besonders gefürchtet, was auf ihre Beteiligung an Plünderungen und Gewalttaten zurückgeführt wird – insbesondere im Zusammenhang mit der Zerstörung Magdeburgs.
Durch Kampfgeräusche aus der Umgebung alarmiert, hatten die kaiserlichen Einheiten bei Angern Stellung bezogen. In den frühen Morgenstunden des 17. Juli griff ein Reitergeschwader unter dem Rheingrafen Otto Ludwig von Salm-Kyrburg-Mörchingen das Dorf und die Burg Angern an. In einem kurzen, aber intensiven Gefecht wurden die kaiserlichen Truppen zurückgedrängt. Überlieferungen zufolge konnten dabei auch Feldzeichen erbeutet werden, darunter eines mit dem Bild der Fortuna und dem Motto „Seid unverzagt“ sowie ein weiteres mit der Umschrift „his ducibus“.
Im Anschluss an die Kampfhandlungen drangen die schwedischen Truppen in das Dorf ein. Angern wurde in Brand gesetzt; die genauen Umstände lassen sich aus den Quellen nicht eindeutig klären. Neben einer Brandlegung durch die angreifenden schwedischen Truppen wird auch eine spätere Zerstörung durch kaiserliche Einheiten in Betracht gezogen. Unabhängig davon führte das Ereignis zur weitgehenden Vernichtung des Dorfes und erheblicher Teile der Burganlage.

Ein Bericht aus dem Gutsarchiv Angern (Rep. H Nr. 444) nennt einen mehrgeschossigen Turm der Burg, der während der Kriegsereignisse als Zufluchtsort für Bewohner der Umgebung diente:
„Es war vordem ein großer Turm von 8 Etagen, wo im Dreißigjährigen Krieg sich viele fremde Örter hin salviret; und wo anjetzt der Lustgarten ist, war vordem ein Bruch, worinnen man, wie auch im Hofe, viele tote Körper gefunden, auch Kugeln und Kriegs-Armaturen, welches eine Kundschaft anzeiget, daß es zu Bataille und blutigem Gefecht gekommen sei.“
Die im Bereich des späteren Lustgartens und im Burghof gefundenen menschlichen Überreste sowie Geschosse und militärischen Ausrüstungsreste bestätigen diese Überlieferung. Sie deuten auf ein Gefecht mit erheblichen Verlusten hin und lassen auf eine gewaltsame Auseinandersetzung vor Ort schließen.
Im Zusammenhang mit dem Gefecht wird auch das Gut Vergunst als möglicher Standort kaiserlicher Bagagewagen genannt. Da Vergunst damals noch räumlich vom Dorf Angern getrennt lag, ist anzunehmen, dass sich die Wagen im Zwischenbereich – etwa im Bereich der heutigen Triftstraße – befanden. Spätere Funde menschlicher Skelette könnten auf Kampfhandlungen oder Massengrabstellen hinweisen.
Die Ereignisse bei Angern sind im Kontext der militärischen Operationen des Sommers 1631 zu sehen. Die Region zwischen Elbniederung, Tangerniederung und Letzlinger Heide bildete einen wichtigen Durchzugsraum für Truppenbewegungen und wurde entsprechend stark in die Kriegshandlungen einbezogen.
Berichte der Magdeburger Zeitung (1898) sowie die Dorfchronik Angern überliefern, dass Gustav II. Adolf das Gefecht für sich entscheiden konnte, bevor er sich über Stendal nach Werben zurückzog. Für Angern markierte dieses Ereignis den Beginn einer längeren Phase von Zerstörung und Entvölkerung. Zahlreiche Höfe wurden nicht wieder aufgebaut, und die Siedlungsstruktur veränderte sich nachhaltig.
Die Zerstörung der Burg
Verteidigungsweise im Dreißigjährigen Krieg: Die sich wandelnden Anforderungen frühneuzeitlicher Kriegsführung stellten traditionelle Burganlagen wie Angern vor erhebliche strukturelle und funktionale Herausforderungen. Trotz intakter Wassergräben, massiver Gewölbebauten und einer weiterhin klar ablesbaren Insellage war die Anlage nur noch eingeschränkt verteidigungsfähig. Wie bei vielen Burgen der Altmark lassen sich auch für Angern bereits vor 1618 bauliche Veränderungen annehmen: Fenster wurden vermutlich vergrößert, Wohnräume erweitert sowie Kamine und neue Dachformen eingefügt. Diese Eingriffe belegen den Übergang von einer primär militärischen Nutzung zu einem repräsentativen Adelssitz, ohne das ursprüngliche Wehrkonzept vollständig aufzugeben. Im Verteidigungsfall standen weiterhin klassische Mittel zur Verfügung: schließbare Brücken und Tore, rückzugsfähige Gewölberäume, eine isolierte Turminsel mit Beobachtungsfunktion sowie Schießscharten. Gegenüber der zunehmenden Mobilität und Feuerkraft frühneuzeitlicher Truppen – insbesondere von Reitereinheiten und dem Einsatz von Brandmitteln – erwiesen sich diese Strukturen jedoch als unzureichend.
Die Ereignisse des Sommers 1631 machten diese strukturellen Defizite deutlich sichtbar. Im Zuge der Kampfhandlungen wurde die Burganlage schwer beschädigt und in großen Teilen zerstört. Nach einem Bericht aus der Dorfchronik Angern blieben lediglich einzelne, bereits beschädigte Gebäude erhalten:
„Bei dem anschließenden Brand des Dorfes kam auch die Burg zu Schaden. Nach einem alten Bericht blieben nur die beschädigte Brauerei, ein Viehstall ohne Dach und das ebenfalls beschädigte Pforthäuschen stehen.“ (Dorfchronik Angern, Gutsarchiv Angern, Rep. H 79).

Entgegen der Entwicklung zeitgenössischer Festungen wurde die Ringmauer der Burg Angern höchstwahrscheinlich nicht durch gezielten Artilleriebeschuss zerstört. Weder die überlieferten Schriftquellen noch der archäologische Befund liefern Hinweise auf systematischen Kanoneneinsatz. Die bei Angern eingesetzten kaiserlichen Truppen unter Heinrich von Holk operierten vorwiegend mit schnellen Vorstößen, Plünderungen und Brandlegungen, nicht jedoch mit langwierigen Belagerungen unter Einsatz schwerer Geschütze. Es ist daher anzunehmen, dass die Schäden an der Ringmauer im Verlauf des 17. Jahrhunderts durch eine Kombination aus Brandwirkung, dem Einsturz hölzerner Aufbauten, fortschreitendem Verfall sowie späterer Materialentnahme entstanden. Bis heute sind Teile der Ringmauer erhalten, die stellenweise bis zur Höhe des ersten Obergeschosses des Palas reichen.
Besonders stark betroffen war offenbar der Palas auf der Ostseite der Hauptinsel. Das Gebäude, dessen Erdgeschoss funktionalen Zwecken diente und dessen Obergeschoss als repräsentativer Wohnbereich ausgestaltet war, dürfte durch den Brand erheblich beschädigt worden sein. Erhalten blieben vor allem die massiven Gewölbestrukturen des Erdgeschosses, Teile der Ostwand sowie Abschnitte der Ringmauer. Zerstört wurden hingegen insbesondere die Dachkonstruktionen, Fachwerkaufbauten und das hölzerne Interieur. Auch Teile des angrenzenden Turms überstanden den Brand möglicherweise zunächst. Der Turm wurde erst im Jahr 1735 bis auf das Erdgeschoss abgetragen. Dieses Erdgeschoss mit den anschließenden Gewölben ist bis heute erhalten.
Wiederaufbau, Wirtschaft und soziale Ordnung nach dem Dreißigjährigen Krieg (1648–1701)
Mit dem Westfälischen Frieden von 1648 begannen auch in Angern vorsichtige Wiederaufbaumaßnahmen. Am 13. August 1650 wurde im Erzstift Magdeburg ein allgemeines „Dankfest“ begangen, bei dem die Glocken läuteten und das Ende der Kriegszeit feierlich begangen wurde. Der tatsächliche Neuanfang verlief jedoch langsam und unter schwierigen Bedingungen. Noch Jahrzehnte später, etwa 1672, war die wirtschaftliche Lage so angespannt, dass Heinrich von der Schulenburg Konkurs anmelden musste. Die Besitzverhältnisse blieben zersplittert, zahlreiche Höfe lagen weiterhin wüst. Erst ab den 1680er Jahren lassen sich Anzeichen einer stabileren Entwicklung erkennen, etwa durch steigende Taufzahlen und zunehmende Bautätigkeit. Dennoch blieb die Erinnerung an die Kriegszeit im Ortsbild und im kollektiven Gedächtnis präsent.
In den Jahren nach 1631 war Angern stark entvölkert. Bereits 1635 kam es erneut zu einer schweren Missernte, begleitet von Seuchen und Hungersnöten. Die wenigen verbliebenen Bewohner lebten unter äußerst schwierigen Bedingungen. Zeitgenössische Berichte sprechen von Fluchtbewegungen in die Städte sowie von einer zunehmenden Destabilisierung der sozialen Verhältnisse im ländlichen Raum. Das Kirchenbuch setzt 1646 mit lediglich vier Taufen für Angern und Wenddorf ein. Pfarrer Zacharias Dogel verließ vermutlich bereits 1635 das Dorf. Damit war die kirchliche und soziale Ordnung zeitweise weitgehend zusammengebrochen. In den überlieferten Berichten wird zugleich deutlich, dass religiöse Praxis und lutherische Frömmigkeit für viele Menschen eine wichtige stabilisierende Funktion einnahmen.
Bausubstanz und Siedlungsstruktur um 1650: Trotz der massiven Zerstörungen belegen die Quellen, dass zentrale Bauteile der mittelalterlichen Burganlage erhalten blieben. Eine Kirchenvisitation von 1650, die im Haus Heinrich von der Schulenburg stattfand, vermerkt ausdrücklich, dass „die vier Keller und der alte Turm“ noch vorhanden waren. Diese Angabe bezieht sich mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die noch erhaltenen tonnengewölbten Räume des Palas sowie den Bergfried auf der Turminsel. Diese massiven Strukturen erwiesen sich als besonders widerstandsfähig und bildeten die Grundlage für eine spätere Wiederbewohnung der Anlage.
Gleichzeitig dokumentieren die Visitationsberichte – überliefert in den Dorfchroniken von Brigitte Kofahl und Wilfried Lühe – das Ausmaß der Zerstörungen im Dorf. Die Kirche war bis auf das gewölbte Chor ausgebrannt. Pfarrhaus, Scheune und Schule standen zwar noch, befanden sich jedoch in stark beschädigtem Zustand. Auch in Wenddorf war die Kirche ruinös, das Inventar weitgehend zerstört und der Glockenturm baufällig. Die Bevölkerungszahlen verdeutlichen den tiefgreifenden Einschnitt: In Angern lebten um 1650 lediglich 14 Hauswirte mit etwa 50 Beichtkindern, in Wenddorf 10 Hauswirte mit rund 40 Beichtkindern. Diese Zahlen spiegeln die erheblichen Verluste infolge von Krieg, Seuchen und Vertreibungen wider.
Trotz dieser Bedingungen setzte allmählich ein Wiederaufbau ein. Der Neubau der Kirche in Angern begann 1655 und erstreckte sich über mehrere Jahre: 1662 wurde die Decke fertiggestellt, 1663 der Turm errichtet und 1664 ein neuer Altar geweiht. Bis 1686 befand sich die Kirche wieder in einem guten Zustand, während die Kirche in Wenddorf weiterhin als „sehr armselig“ beschrieben wird. Viele Hofstellen in Angern und auf dem Gut Vergunst blieben jedoch noch lange wüst. Die Wiederbesiedlung verlief zögerlich und erforderte teilweise die Ansiedlung neuer Bewohner. Die Folgen des Krieges blieben über Jahrzehnte hinweg sichtbar.
Die wirtschaftliche Lage blieb angespannt. Zahlreiche Felder lagen brach und waren von Gestrüpp überwuchert. Es fehlte an landwirtschaftlichen Geräten und Zugvieh, sodass einfache Arbeiten nur unter erheblichen Mühen durchgeführt werden konnten. Eine Erhebung aus dem Jahr 1686 dokumentiert die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse: In Angern lebten ein Ackermann, fünf Halbspänner, 18 Kossaten und 28 Häusler. Die Feldmark wurde als überwiegend sandig und wenig ertragreich beschrieben. Viele Bewohner sicherten ihren Lebensunterhalt durch Holzverkauf, Transporte nach Magdeburg oder als Tagelöhner und Handwerker. Auch die Viehhaltung war deutlich reduziert. Für die Gemeinde werden 35 Pferde, 69 Ochsen, 100 Kühe, 42 Rinder, 15 Schafe und 6 Bienenstöcke genannt. Mehrere Hofstellen galten als „verwachsen oder von der Elbe fortgespült“, was auch mit den Hochwassern der Jahre 1679 und 1684 in Verbindung gebracht wird.
Die soziale Lage blieb ebenfalls angespannt. Zeitgenössische Berichte deuten auf eine fragile Ordnung und eine erhöhte Unsicherheit hin. Ein Kirchendiebstahl im Jahr 1692 sowie ein Raubmord im Jahr 1696 belegen diese Situation. Die Geistlichkeit war weiterhin von Armut geprägt, spielte jedoch eine zentrale Rolle bei der Stabilisierung der Verhältnisse. Auch die landesherrliche Obrigkeit unterstützte Maßnahmen zur Wiederherstellung von Ordnung und Wirtschaft. Nach 1680 fiel das Erzstift Magdeburg an Brandenburg, womit sich auch die politischen Rahmenbedingungen veränderten.
Die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts war somit von langsamer Erholung, wirtschaftlichem Wiederaufbau und sozialer Neuordnung geprägt. Erst gegen Ende des Jahrhunderts lässt sich für Angern wieder ein Zustand relativer Stabilität feststellen.
Militärische Präsenz in Burg Angern während des Spanischen Erbfolgekriegs
Auch im frühen 18. Jahrhundert wurde die verbliebene Burganlage in Angern weiterhin militärisch genutzt. Während des Spanischen Erbfolgekriegs (1701–1714), der große Teile Europas erfasste und auch das Heilige Römische Reich in weitreichende militärische Auseinandersetzungen einband, blieb die Region von Truppenbewegungen und Sicherungsmaßnahmen betroffen.
Im Jahr 1705 wurde ein kaiserliches Dragoner-Detachement in Angern stationiert, das zur Sicherung der Anlage sowie des umliegenden Gebietes eingesetzt wurde. Dragoner waren berittene Truppen, die sowohl für schnelle Bewegungen als auch für den Kampf zu Fuß eingesetzt werden konnten und damit eine flexible Einsatzform zwischen Kavallerie und Infanterie darstellten. Die Stationierung einer solchen Einheit deutet darauf hin, dass Angern trotz der schweren Zerstörungen des 17. Jahrhunderts weiterhin eine gewisse strategische Bedeutung besaß. Die Burganlage fungierte offenbar nicht mehr als klassische Festung, konnte jedoch als Stützpunkt zur Kontrolle und Sicherung regionaler Verkehrswege sowie zur Überwachung des Umlandes genutzt werden.
Die militärische Präsenz ist im Zusammenhang mit den großräumigen Konflikten des Spanischen Erbfolgekriegs zu sehen, in denen auch mitteldeutsche Territorien wiederholt in Logistik, Versorgung und Sicherung von Truppen eingebunden waren. Die Nutzung Angerns in diesem Kontext lässt sich somit als Ausdruck einer fortdauernden administrativen und militärischen Funktion interpretieren, die über die eigentliche Zerstörungsphase des Dreißigjährigen Krieges hinaus Bestand hatte. Die Stationierung eines Dragoner-Detachements in Angern im Jahr 1705 entspricht den typischen Einsatzformen frühneuzeitlicher Kavallerieverbände. Dragoner wurden im Spanischen Erbfolgekrieg häufig für Sicherungs-, Patrouillen- und Streifdienste eingesetzt und waren oftmals dezentral in kleineren Orten und ländlichen Räumen stationiert (vgl. Dragoner; Kavallerie). Auch brandenburgisch-preußische Kavallerieeinheiten waren nicht ausschließlich in Garnisonsstädten konzentriert, sondern wurden häufig auf kleinere Orte verteilt untergebracht, um Versorgung und Kontrolle des Umlandes sicherzustellen (vgl. Altpreußisches Heer). Vor diesem Hintergrund erscheint die Nutzung der Burg Angern weniger als Ausdruck einer eigenständigen militärischen Stärke der Anlage, sondern vielmehr als Teil der allgemeinen militärischen Durchdringung des Raumes im frühen 18. Jahrhundert.
Die Stationierung eines Dragoner-Detachements im Jahr 1705 erlaubt Rückschlüsse auf den baulichen Zustand der Burganlage. Sie war zu diesem Zeitpunkt offenbar nicht mehr als befestigte Anlage im militärischen Sinne nutzbar, verfügte jedoch noch über ausreichend erhaltene Bausubstanz, um als Quartier und logistischer Stützpunkt zu dienen. Die Nutzung deutet somit auf einen Übergangszustand hin, in dem die Burg ihre ursprüngliche Wehrfunktion verloren hatte, jedoch weiterhin in administrativer und militärischer Hinsicht Verwendung fand.
Bedeutung von Marktrechten im frühneuzeitlichen Kontext
Die Zerstörungen des Jahres 1631 trafen nicht nur die bauliche Substanz, sondern auch das wirtschaftliche Zentrum Angerns. Im Gutsarchiv Angern (Rep. H Nr. 444) findet sich der Hinweis:
„Angern hat vordem auch Jahr- und Wochenmarkt gehalten, und ist durch den Brand so ruinieret, daß solches rückständig geblieben und eingegangen.“
Diese Aussage zeigt, dass Angern einst über Jahr- und Wochenmärkte verfügte, die für Handel, Versorgung und Kommunikation von zentraler Bedeutung waren. Der Brand von 1631 dürfte wesentlich zum Niedergang dieser Märkte beigetragen haben.
Der Befund steht exemplarisch für zahlreiche Orte im norddeutschen Raum, deren wirtschaftliche Strukturen im Dreißigjährigen Krieg dauerhaft geschwächt wurden. Der Wegfall von Märkten bedeutete nicht nur ökonomische Einbußen, sondern auch den Verlust sozialer Netzwerke und regionaler Bedeutung.
Quellen und Literatur
- Kofahl, Brigitte: Dorfchronik Angern, Gemeinde Angern.
- Lühe, Wilhelm: Chronik Angern und Wenddorf, Selbstverlag, 1906.
- Gutsarchiv Angern, Rep. H 13, Nr. 38: Kirchenvisitation 1650.
- Gutsarchiv Angern, Rep. H 79: Zustandserfassung nach dem Brand.
- Gutsarchiv Angern, Rep. H 417: Erhebung der Besitzverhältnisse (1686).
- Gutsarchiv Angern, Rep. H 444: Beschreibung des Bergfrieds und Marktrechte.
- Dehio, Georg (2002): Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Sachsen-Anhalt I.
- Zeune, Joachim (1994): Burgtypen in Mitteleuropa.
- Press, Volker (1991): Der Dreißigjährige Krieg.
- Wilson, Peter H. (2009): Europe’s Tragedy, London.