1. Fundbeschreibung
Der vorliegende Befund umfasst mehrere Fragmente einer textilen Wandbekleidung, die im Bereich des Gartensaals im Erdgeschoss des Schlosses Angern geborgen wurden. Die Fragmente sind unterschiedlich groß, unregelmäßig ausgebrochen und weisen deutliche Alterungs- und Substanzverluste auf. Charakteristisch sind Faserauflösungen, Ausdünnungen des Gewebes sowie partielle Ablösungen der Fassungsschichten.
Auf den erhaltenen Oberflächen sind deutlich bläuliche und weißliche Farbreste erkennbar. Diese liegen in annähernd parallel verlaufenden Zonen vor, die als Reste einer ehemals regelmäßigen Streifenstruktur zu interpretieren sind. Die ursprüngliche Gestaltung ist nur fragmentarisch erhalten, jedoch in ihrer Grundstruktur eindeutig nachvollziehbar.
2. Materialität und technische Ausführung
Die Fragmente bestehen aus einem textilen Trägermaterial aus Leinen (Flachsgewebe), das in einfacher Leinwandbindung ausgeführt ist. Die Fäden zeigen unregelmäßige Stärken und Drehungen, wie sie für handgewebte Stoffe des 18. Jahrhunderts typisch sind. Die Gewebestruktur ist durch Alterung und mechanische Beanspruchung teilweise stark geschädigt.
Auf dem Gewebe liegt eine Fassungsschicht, die vermutlich aus einem leimgebundenen Kreidegrund mit darüber aufgebrachter Farbfassung besteht. Die Pigmentierung erfolgte direkt auf dem textilen Träger. Die blauen Farbbereiche lassen sich mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Pigmente wie Berliner Blau oder verwandte Kupfer- bzw. Eisenverbindungen zurückführen, während die hellen Bereiche durch Kreideweiß oder ungefasste Grundierungsschichten gebildet werden.
Die Streifenstruktur wurde nicht durch Webtechnik, sondern durch farbliche Fassung erzeugt. Die Streifen verlaufen vertikal und weisen eine weitgehend gleichmäßige Breite auf, soweit dies anhand der Fragmente rekonstruierbar ist.
3. Befestigung und konstruktiver Zusammenhang
Die Leinwandtapeten wurden direkt auf den Wandputz aufgebracht und durch Annageln befestigt. Diese Technik ist für textile Wandbespannungen des 18. Jahrhunderts typisch. Die ursprünglichen Befestigungspunkte sind an den Fragmenten selbst nicht mehr erhalten, lassen sich jedoch durch Montagespuren im Raumkontext sowie durch Vergleichsbefunde erschließen.
Die Bespannung wurde straff gespannt und bildete eine geschlossene Wandfläche. Die oberen Abschlüsse sowie die Raumecken wurden vermutlich durch Leisten gefasst, die im repräsentativen Kontext des Gartensaals zumindest teilweise farbig gefasst oder vergoldet gewesen sein könnten. Ergänzende Befunde im Raum weisen auf dekorative Fassungen der Stuckelemente hin, darunter gemalte Perlstäbe und goldfarbene Leisten.
4. Bau- und Nutzungskontext
Der Gartensaal stellt einen zentralen Repräsentationsraum des Schlosses Angern dar. Das Inventarverzeichnis von 1752 nennt für diesen Raum ausdrücklich eine „blau und weiß gestreifte Leinwand-Tapete“. Diese archivalische Angabe korrespondiert unmittelbar mit den vorliegenden materiellen Befunden.
Die farbliche Gestaltung ist im Kontext der Raumfunktion zu interpretieren: Die Kombination von Blau und Weiß erzeugt eine lichte, kühle und zugleich repräsentative Raumwirkung. Solche Farbgestaltungen sind für Säle und öffentlich zugängliche Räume des mitteldeutschen Adels im 18. Jahrhundert mehrfach belegt.

5. Chronologische Einordnung
Die Datierung der Tapeten ergibt sich aus dem bauhistorischen Kontext des Schlosses sowie aus der archivalischen Überlieferung. Der Gartensaal gehört zur barocken Ausbauphase des Schlosses, die ab ca. 1735 einsetzte und bis etwa 1750 abgeschlossen war.
Das Inventar von 1752 dokumentiert einen bereits eingerichteten Zustand. Die Tapeten sind daher eindeutig der Erstausstattungsphase zuzuordnen und in die Zeit zwischen ca. 1735 und 1750 zu datieren.
6. Interpretation
Die blau-weiß gestreiften Leinwandtapeten sind als integraler Bestandteil der barocken Innenraumgestaltung zu verstehen. Ihre Gestaltung durch regelmäßige Streifen unterscheidet sie von den in anderen Räumen nachgewiesenen „Brocadell“-Tapeten mit imitierter Stoffwirkung.
Die Streifentapete folgt einem eigenständigen gestalterischen Prinzip, das weniger auf Materialillusion als auf klare Gliederung und rhythmische Struktur der Wandflächen abzielt. Die vertikale Streifenführung verstärkt die Raumhöhe und trägt zur optischen Ordnung des Saales bei.
Gleichzeitig ist die Tapete Bestandteil eines umfassenden Ausstattungssystems, das Möbel, Vorhänge und Wanddekoration einbezog. Ihre Funktion war somit nicht rein dekorativ, sondern auch raumstrukturierend und repräsentativ.
7. Ergebnis
Die vorliegenden Fragmente sind mit hoher Wahrscheinlichkeit als Reste der im Inventar von 1752 genannten „blau und weiß gestreiften Leinwand-Tapete“ des Gartensaals zu identifizieren. Sie datieren in die Zeit zwischen ca. 1735 und 1750 und gehören zur ursprünglichen barocken Innenausstattung des Schlosses Angern.
Der Befund stellt einen seltenen materiellen Nachweis einer archivalisch belegten Wandgestaltung dar und ermöglicht eine konkrete Rekonstruktion der Raumfassung. Er besitzt damit einen hohen Quellenwert für die Erforschung adeliger Wohnkultur im mitteldeutschen Raum des 18. Jahrhunderts.