Wasserschloss Angern
Das Wasserschloss Angern wurde 1736 im Auftrag von Christoph Daniel v.d. Schulenburg im Rokoko-Stil erbaut und 1843 klassizistisch umformt.

Objektgruppe: Historische Surporten beziehungsweise Supraporten
Standort: Schloss Angern, Sachsen-Anhalt
Historischer Besitz: Familie von der Schulenburg
Inventarnachweis: Inventarverzeichnis von 1752
Datierung: überwiegend erste Hälfte des 18. Jahrhunderts
Technik: Ölmalerei auf Leinwand oder Holzträger
Gattung: dekorative Interieurmalerei

Supraporte Landschaft mit Ruinen

Mit KI vergrößerte Darstellung der vermutlich als Supraporte verwendeten Ruinenlandschaft im späteren Herrensalon; Original verschollen

1. Einleitung

Die im Inventarverzeichnis von Schloss Angern aus dem Jahr 1752 genannten Surporten beziehungsweise Supraporten stellen ein außergewöhnlich reiches Zeugnis barocker und rokokozeitlicher Schlossausstattung dar. Bereits die archivalische Überlieferung belegt, dass Schloss Angern Mitte des 18. Jahrhunderts über ein umfangreiches dekoratives Bildprogramm verfügte, das fest in die Architektur und Raumgestaltung eingebunden war.

Die historische Schreibweise „Surporte“ ist dabei als zeitgenössische Variante des Begriffs „Supraporte“ zu verstehen. Gemeint sind dekorative Gemälde oberhalb von Türen, Kaminen oder Wandfeldern, die nicht als autonome Einzelkunstwerke, sondern als Bestandteil eines übergeordneten Interieurkonzepts fungierten.

Die Gestaltung der Angerner Supraporten folgt insgesamt dem Prinzip eines geschlossenen dekorativen Interieursystems, wie es für barocke und rokokozeitliche Adelssitze charakteristisch war. Die Gemälde waren nicht als isolierte Einzelwerke konzipiert, sondern als architektonisch eingebundene Bestandteile der Raumgestaltung. Formate, Rahmungen und Bildthemen wurden dabei bewusst auf Möbel, Tapeten, Kamine und Wandgliederungen abgestimmt. Besonders auffällig ist die thematische Vielfalt der Angerner Supraporten: Venezianische Veduten, italienische Landschaften, Bacchanalszenen, Chinoiserien, Frucht- und Geflügelstücke verbanden repräsentative Bildungskultur mit dekorativer Raumwirkung. Die Ausstattung vereinte damit internationale Bildtraditionen des 18. Jahrhunderts zu einem höfisch geprägten Gesamtkonzept, das weniger auf einzelne Meisterwerke als auf die atmosphärische und repräsentative Wirkung des gesamten Interieurs zielte.

2. Das Supraportenprogramm von Schloss Angern

Das Inventar von 1752 dokumentiert mindestens 35 ausdrücklich als Surporten beziehungsweise Supraporten bezeichnete Gemälde innerhalb der ersten und zweiten Etage des Schlosses. Heute sind hiervon nur noch wenige Werke eindeutig identifizierbar beziehungsweise erhalten. Thematisch umfasste das Programm:

  • italienische Veduten und Landschaften,
  • Pastoralen und Bacchanalszenen,
  • Frucht-, Geflügel- und Küchenstillleben,
  • chinesische beziehungsweise chinoise Malereien,
  • sowie dekorative Blumenstücke.

Die Vielfalt der Themen zeigt deutlich die internationale Orientierung der Ausstattung und die starke Rezeption italienischer, französischer und höfisch-europäischer Bildkultur. Sie entspricht den repräsentativen Geschmacksvorstellungen des europäischen 18. Jahrhunderts.

3. Venezianische Veduten und italienischer Einfluss

Von besonderer kunsthistorischer Bedeutung sind die im Inventar ausdrücklich genannten venezianischen Supraporten mit Darstellungen des „Ponto Rialto zu Venedig“ sowie der Kirche „N.D. allda“, womit mit hoher Wahrscheinlichkeit Santa Maria della Salute gemeint ist.

Die erhaltenen Veduten stehen stilistisch im Umfeld der venezianischen Vedutenmalerei des frühen 18. Jahrhunderts. Besonders die Darstellung von Santa Maria della Salute zeigt kompositorische und perspektivische Parallelen zu Bildtraditionen, wie sie im Umfeld venezianischer Vedutenmaler wie Michele Marieschi verbreitet waren.

Gleichzeitig handelt es sich bei den Angerner Werken wahrscheinlich nicht um eigenhändige Arbeiten berühmter Meister, sondern um qualitätvolle dekorative Werkstatt-, Nachfolge- oder Umfeldarbeiten, die populäre venezianische Motive für höfische Interieurs adaptierten. Dies entspricht einem typischen Phänomen europäischer Schlossausstattung des 18. Jahrhunderts: Hochrangige italienische Bildtypen wurden durch spezialisierte Werkstätten und Dekorationsmaler reproduziert und an die Bedürfnisse adeliger Raumkunst angepasst.

4. Supraporten als Bestandteil höfischer Raumkunst

Die Angerner Supraporten waren Bestandteil eines komplexen dekorativen Gesamtkonzepts aus Tapeten, Kaminen, Spiegeln, Möbeln und Gemälden. Ihre Funktion lag nicht allein in der bildlichen Darstellung, sondern vor allem in der architektonischen und repräsentativen Gestaltung der Räume.

Die thematische Vielfalt der Supraporten entsprach den unterschiedlichen Funktionen der Räume. Landschaften, italienische Szenen und Veduten dienten der repräsentativen Bildungskultur, während Frucht-, Küchen- und Geflügelstücke stärker mit höfischer Haushalts- und Speisekultur verbunden waren. Chinoiserien wiederum spiegelten die im Rokoko verbreitete Faszination für ostasiatische Kunst und Ornamentik wider.

5. Kunsthistorische Einordnung

Die Supraporten von Schloss Angern stehen in der Tradition barocker und rokokozeitlicher Interieurmalerei des 18. Jahrhunderts. Stilistisch verbinden sie Einflüsse italienischer Vedutenkunst, niederländisch geprägter Stilllebenmalerei sowie dekorativer französischer und höfischer Raumkunst.

Die Werke sind dabei weniger als autonome Sammlungsstücke einzelner Meister zu verstehen, sondern vielmehr als Bestandteile eines groß angelegten dekorativen Schlossinterieurs. Gerade diese Funktion macht ihren besonderen ausstattungs- und kulturhistorischen Wert aus.

6. Schloss Angern als europäisch geprägter Adelssitz

Die Familie von der Schulenburg gehörte zu den bedeutenden Adelsgeschlechtern des preußischen Raumes und unterhielt enge Beziehungen zum europäischen Hof- und Diplomatiemilieu. Die Ausstattung von Schloss Angern zeigt deutlich, dass sich die kulturelle Orientierung des Hauses nicht auf regionale Traditionen beschränkte, sondern stark von internationalen Kunstströmungen geprägt war.

Die Supraporten dokumentieren exemplarisch die europäische Bildkultur des 18. Jahrhunderts innerhalb eines preußischen Adelssitzes und verdeutlichen zugleich die Bedeutung Italiens, Venedigs und höfischer Dekorationskunst für die repräsentative Ausstattung des Schlosses.

7. Erhaltungszustand und heutige Bedeutung

Die erhaltenen Supraporten weisen altersbedingte Veränderungen sowie teilweise Firnisalterungen und Oberflächenverschmutzungen auf. Aufgrund der bislang vorliegenden fotografischen Dokumentation können Aussagen zu Maltechnik oder restauratorischen Eingriffen nur eingeschränkt getroffen werden.

Unabhängig davon besitzen die Werke hohen kunst-, kultur- und ausstattungsgeschichtlichen Wert, da sie unmittelbar mit der historischen Raumstruktur von Schloss Angern verbunden und zugleich archivalisch durch das Inventar von 1752 gesichert sind.

8. Beispiel einer Supraporte: Architektur-Capriccio mit römischen Ruinen

Ein besonders aussagekräftiges Beispiel für die dekorative und zugleich repräsentative Funktion der Angerner Supraporten stellt das Architektur-Capriccio mit römischen Ruinen dar, das sich spätestens Anfang des 20. Jahrhundert nachweislich im Herrenwohnzimmer von Schloss Angern befand. Das Gemälde hing dort zusammen mit mehreren kleinformatigen Landschaftsbildern und war Teil einer historisch gewachsenen Wandhängung innerhalb des Interieurs.

schloss-angern-herrensalon

Obwohl dieses Architektur-Capriccio bislang nicht eindeutig mit einem konkreten Inventareintrag von 1752 identifiziert werden kann, spricht seine überlieferte Form mit hoher Wahrscheinlichkeit für eine Verwendung als Supraporte beziehungsweise supraportenartiges Interieurgemälde. Dafür sprechen insbesondere das vergleichbare Querformat, die ähnliche Rahmung sowie die dekorative Einbindung innerhalb der historischen Wandhängung und die Nähe zu den erhaltenen venezianischen Veduten aus Schloss Angern.

Das Werk zeigt eine idealisierte antike Ruinenlandschaft mit Säulenarchitektur, Reiterstandbild, Obelisk und klassizistisch-antikisierendem Tempelbau. Stilistisch steht das Gemälde deutlich in der Tradition der römischen Veduten- und Capriccio-Malerei des 18. Jahrhunderts und erinnert insbesondere an Bildtypen aus dem Umfeld von Giovanni Paolo Panini. Wie bei den venezianischen Veduten der Rialtobrücke und von Santa Maria della Salute handelt es sich jedoch wahrscheinlich nicht um ein eigenhändiges Werk eines bekannten Meisters, sondern eher um eine qualitätvolle Werkstatt-, Nachfolge- oder Umfeldarbeit, die populäre italienische Bildmotive für ein höfisches Interieur adaptierte.

Die Bedeutung des Gemäldes liegt daher weniger in einer möglichen prominenten Zuschreibung als vielmehr in seiner Funktion innerhalb der historischen Schlossausstattung. Architekturcapricci mit antiken Ruinen gehörten im 18. Jahrhundert zu den bevorzugten Bildtypen aristokratischer Sammlungskultur. Sie verbanden dekorative Raumwirkung mit Vorstellungen klassischer Bildung, Grand-Tour-Kultur und europäischer Weltläufigkeit.

Im Kontext der Angerner Supraporten dokumentiert das Architektur-Capriccio exemplarisch die internationale Orientierung und den repräsentativen Anspruch der Schlossausstattung der Familie von der Schulenburg. Zusammen mit den venezianischen Veduten, den lombardisch beeinflussten Küchenstillleben sowie den italienischen Bacchanal- und Landschaftsszenen verweist das Werk auf eine ausgeprägt europäische und italienisch geprägte Bildkultur innerhalb des Schlossinterieurs.

9. Beispiel einer venezianischen Veduten-Supraporte: Santa Maria della Salute

Ein besonders bedeutendes Beispiel innerhalb des Angerner Supraportenprogramms ist die erhaltene Vedute der Kirche Santa Maria della Salute in Venedig. Das Gemälde ist mit hoher Wahrscheinlichkeit mit jenem Inventareintrag identisch, der 1752 als „die Kirche zu N.D. allda“ im Zusammenhang mit den venezianischen Supraporten genannt wird.

Die Darstellung zeigt die monumentale Kuppelkirche Santa Maria della Salute am Canal Grande mit vorgelagertem Wasserraum, venezianischer Uferarchitektur und kleinteiliger Staffage aus Gondeln und Figuren. Die Komposition orientiert sich deutlich an der venezianischen Vedutenmalerei des frühen 18. Jahrhunderts und verbindet architektonische Monumentalität mit atmosphärischer Lichtwirkung.

Stilistisch weist das Werk deutliche Parallelen zur Bildauffassung venezianischer Vedutenmaler wie Michele Marieschi auf. Besonders die perspektivische Anlage, die dramatische Himmelsbildung sowie die bühnenartige Architekturwirkung erinnern an venezianische Vedutentypen des frühen Settecento. Gleichzeitig erreicht die Ausführung nicht die malerische Präzision und räumliche Virtuosität eigenhändiger Werke Marieschis, weshalb eher von einer qualitätvollen Werkstatt-, Nachfolge- oder Umfeldarbeit auszugehen ist.

Die Bedeutung des Gemäldes liegt daher vor allem in seiner Funktion als Bestandteil eines höfischen Interieurs. Venezianische Veduten galten im 18. Jahrhundert als Ausdruck aristokratischer Bildung und europäischer Weltläufigkeit. Ihre Integration in die Schlossausstattung von Angern verweist auf die enge kulturelle Orientierung der Familie von der Schulenburg an der internationalen Bild- und Sammlungskultur des europäischen Hochadels.

10. Beispiel einer venezianischen Veduten-Supraporte: Rialtobrücke

Ein weiteres bedeutendes Beispiel innerhalb des Angerner Supraportenprogramms ist die erhaltene Vedute der Rialtobrücke in Venedig. Das Gemälde dürfte mit hoher Wahrscheinlichkeit jenem Inventareintrag entsprechen, der 1752 als „Ponto Rialto zu Venedig“ bezeichnet wird.

Im Inventarverzeichnis werden beide venezianischen Veduten gemeinsam im „Zimmer links vom Saal“ der zweiten Etage aufgeführt. Dort heißt es ausdrücklich: „2 Supraporten: Ponto Rialto zu Venedig, die Kirche zu N.D. allda“. Die beiden Werke bildeten somit offenbar ein bewusst zusammengehöriges Pendant innerhalb eines repräsentativen Interieurs.

Zimmer links vom Saal Angern

Digitale Rekonstruktion des „Zimmers links vom Saal“ auf Grundlage historischer Inventarbeschreibungen

Die Darstellung zeigt die Rialtobrücke mit vorgelagertem Canal-Grande-Motiv, venezianischer Uferarchitektur sowie kleinteiliger Staffage aus Booten, Gondeln und Figuren. Die Komposition verbindet eine klare architektonische Raumordnung mit atmosphärischer Himmelsbildung und dekorativer Wasserstaffage.

Stilistisch steht das Werk deutlich in der Tradition der venezianischen Vedutenmalerei des frühen 18. Jahrhunderts. Besonders die perspektivische Anlage, die bewegte Wolkenbildung und die theatrale Wirkung der Architektur erinnern an Bildtypen aus dem Umfeld venezianischer Vedutenmaler wie Michele Marieschi oder verwandter Werkstatttraditionen. Gleichzeitig spricht die vergleichsweise vereinfachte Ausführung eher für eine dekorative Interieurfassung beziehungsweise eine qualitätvolle Werkstatt- oder Nachfolgearbeit als für ein eigenhändiges Werk eines bedeutenden Vedutenmeisters.

Die gemeinsame Platzierung der beiden venezianischen Veduten innerhalb desselben Raumes unterstreicht ihren Charakter als repräsentatives Pendant. Solche paarweise angeordneten Vedutenzyklen waren typisch für die höfische und adelige Raumkunst des 18. Jahrhunderts und dienten der dekorativen Verbindung von Architektur, Bildungsideal und internationaler Kunstorientierung.

11. Beispiel einer Geflügel- und Küchenstillleben-Supraporte im Großen Zimmer

Ein weiteres bedeutendes Beispiel innerhalb des Angerner Supraportenprogramms befand sich im sogenannten „Großen Zimmer“ und lässt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit mit dem Inventareintrag von 1752 identifizieren:

„1 Surporte oder Malerei, ein Huhn und etwas Küchenfrüchte vorstellend“

Die erhaltene beziehungsweise überlieferte Darstellung zeigt ein dunkles Geflügel- und Küchenstillleben mit mehreren Wasservögeln beziehungsweise Enten, einem hellen Tuch, vermutlich kupfernem Küchengefäß sowie weiteren angedeuteten Vorrats- oder Küchenobjekten. Die Komposition ist stark auf Nahsicht angelegt und nutzt eine konzentrierte Lichtführung vor dunklem Hintergrund, wodurch die Objekte plastisch hervortreten.

Supraporte Gefluegel Angern

KI vergrößerte und colorierte Darstellung der Supraporte des Geflügelstillebens im großen Zimmer; Original: verschollen

Stilistisch steht das Werk deutlich in der Tradition niederländisch und flämisch beeinflusster Küchen- und Jagdstillleben des Barock. Besonders die dunkle Tonigkeit, die dramatische Beleuchtung und die Darstellung arrangierter Jagd- beziehungsweise Küchenbeute erinnern an dekorative Interieurmalerei des 17. und frühen 18. Jahrhunderts, wie sie im höfischen Umfeld vielfach adaptiert wurde.

Großes Zimmer Schloss Angern

KI colorierte Darstellung der Supraporte im Speisezimmer von Schloss Angern

Die architektonische Einbindung des Bildes innerhalb einer geschweiften Holzrahmung unterstreicht zusätzlich den ursprünglichen Charakter als Supraporte beziehungsweise fest integriertes Interieurbild. Das Gemälde war offenbar nicht als autonomes Einzelkunstwerk gedacht, sondern als Bestandteil eines dekorativen Gesamtsystems aus Möbelarchitektur, Wandgestaltung und Raumausstattung.

Wie bei den venezianischen Veduten und dem Architekturcapriccio handelt es sich wahrscheinlich nicht um ein eigenhändiges Werk eines bekannten Meisters, sondern um eine qualitätvolle dekorative Werkstatt- oder Umfeldarbeit, die sich an verbreiteten Bildtraditionen höfischer Schlossinterieurs orientierte.

12. Zusammenfassung

Die im Inventar von 1752 genannten Surporten beziehungsweise Supraporten von Schloss Angern bilden ein außergewöhnlich umfangreiches Ensemble dekorativer Interieurmalerei des 18. Jahrhunderts. Die Werke umfassen italienische Veduten, Landschaften, Bacchanalszenen, Chinoiserien sowie Frucht- und Küchenstillleben und spiegeln eine international orientierte höfische Ausstattungskultur wider.

Besonders die venezianischen Veduten mit Darstellungen der Rialtobrücke und von Santa Maria della Salute stehen stilistisch im Umfeld der venezianischen Vedutenmalerei des frühen 18. Jahrhunderts, insbesondere im Umkreis von Michele Marieschi und verwandten Werkstatttraditionen.

Auch das überlieferte Architektur-Capriccio mit römischen Ruinen dürfte aufgrund seines scheinbar vergleichbaren Formats und seiner dekorativen Funktion mit hoher Wahrscheinlichkeit als Supraporte oder supraportenartiges Interieurgemälde zu verstehen sein. Eine eindeutige Identifizierung mit einem konkreten Inventareintrag bleibt jedoch offen.

Die Angerner Supraporten sind wahrscheinlich überwiegend als qualitätvolle Werkstatt- oder Umfeldarbeiten zu verstehen, deren Bedeutung weniger in einer prominenten Autorschaft als vielmehr in ihrer Funktion als historisch belegtes Ausstattungsensemble eines preußischen Adelssitzes liegt.

In jedem Jahrhundert erlebt die Familie von der Schulenburg und das Haus in Angern bedeutende Veränderungen, doch sie lassen sich nie entmutigen – immer wieder gelingt ein entschlossener Neuanfang gemäß dem Leitsatz "Halte fest was Dir vertraut". Bis 11. Jahrhundert , 12. Jahrhundert , 13. Jahrhundert , 14. Jahrhundert , 15. Jahrhundert , 16. Jahrhundert , 17. Jahrhundert , 18. Jahrhundert , 19. Jahrhundert , 20. Jahrhundert , 21. Jahrhundert .
Schloss Angern – Baugeschichte, Raumbild und kultureller Wandel zwischen Mittelalter, Barock und Klassizismus. Die Geschichte von Schloss Angern in der Altmark ist ein exemplarisches Zeugnis adeliger Bau- und Lebensformen im Wandel der Jahrhunderte. Als aus einer hochmittelalterlichen Wasserburg hervorgegangenes Gutsschloss vereint die Anlage bauliche Schichten aus drei Epochen: der Gründungsphase um 1340, dem barocken Ausbau unter Generalleutnant Christoph Daniel von der Schulenburg ab 1738 und der klassizistischen Umformung durch Edo Graf von der Schulenburg um 1843. Die erhaltene Raumstruktur mit Hauptinsel, Turminsel und Vorburg, die Integration mittelalterlicher Gewölbe, die klar gegliederte barocke Raumordnung und die klassizistische Repräsentationskultur des 19. Jahrhunderts machen Schloss Angern zu einem einzigartigen Zeugnis ländlicher Adelskultur in Mitteldeutschland. Die Architektur erzählt von militärischer Funktion, gutsherrlicher Selbstvergewisserung und bürgerlich-rationaler Modernisierung – ein Ensemble, das in seiner Vielschichtigkeit die Transformationsprozesse adliger Repräsentation zwischen Spätmittelalter und Moderne sichtbar macht.
Die Nutzung des ab 1738 neu errichteten Herrenhauses in Angern unter General Christoph Daniel von der Schulenburg lässt sich im Kontext des mitteldeutschen Landadels als exemplarisch für den funktionalen und repräsentativen Anspruch barocker Gutshausarchitektur einordnen. Analog zu anderen Adelsresidenzen dieser Zeit gliederte sich das Nutzungsschema in Wohnfunktion , administrative Nutzung , Repräsentation , Sammlungstätigkeit und symbolisch-dynastische Verankerung . Der Rundgang durch das Schloss Angern um 1750 zeigt eindrücklich, wie dieses Haus weit über seine unmittelbaren Wohn- und Verwaltungsfunktionen hinaus als architektonischer Ausdruck adeliger Identität diente. Die Räume fungierten als Träger von Macht, Bildung, Status und genealogischer Erinnerung – sorgfältig gegliedert in öffentliches Auftreten, persönliche Rückzugsräume und repräsentative Ordnung. Der Raum links neben dem Gartensaal um 1750
Die bauliche Umgestaltung des Herrenhauses in Angern in den Jahren um 1843 markiert einen tiefgreifenden Wandel in der Nutzung und Raumordnung des Hauses. Unter den Nachfahren des Generals Christoph Daniel von der Schulenburg wurde das barocke Erscheinungsbild durch klassizistische Elemente überformt, die sich sowohl in der Fassadengestaltung als auch in der Raumgliederung widerspiegeln.Es dominierte eine hell verputzte Fassade und eine vereinfachte Tür- und Fensterrahmung. Diese Elemente spiegeln die Orientierung am Ideal der "edlen Einfachheit" wider, wie sie seit Winckelmann als Leitbild klassizistischer Baukunst galt. Dieser Umbau ist im Kontext der Adelsgeschichte des 19. Jahrhunderts als Ausdruck einer funktionalen Anpassung und bürgerlich geprägten Repräsentationskultur zu verstehen. Der Raum links neben dem Gartensaal Anfang des 20. Jahrhunderts (KI coloriert)
Ein Bau im Schatten der Mängel: Der Schlossneubau in Angern 1737–1739 als Spiegel barocker Baupraxis: Der barocke Neubau des Schlosses Angern in den Jahren 1737 bis 1739 stellt ein instruktives Beispiel für die Spannungsfelder adeliger Repräsentation, wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit und administrativer Kontrolle im 18. Jahrhundert dar. Die erhaltenen Berichte von Oberamtmann Croon an Christoph Daniel von der Schulenburg (Rep. H Angern Nr. 336) erlauben eine detailreiche Rekonstruktion des Baugeschehens, die sowohl Planungs- und Ausführungsmängel als auch die sozialen und strukturellen Rahmenbedingungen offenlegen. KI generierte Ansicht von Schloss Angern um 1750
Vom höfischen Tableau zur rationalisierten Wohnwelt: Die Wohn- und Funktionsräume des Schlosses Angern spiegeln in exemplarischer Weise den sozialen und kulturellen Wandel des Adels im langen 18. Jahrhundert wider. Zwischen dem Rokoko-inspirierten Repräsentationskonzept unter General Christoph Daniel von der Schulenburg (†1763), der verwaltungstechnisch durchrationalisierten Ordnung unter Friedrich Christoph Daniel (†1821) und dem klassizistischen Umbau unter Edo von der Schulenburg (ab 1841) lassen sich klare strukturelle und ästhetische Entwicklungslinien feststellen. Die verfügbaren Inventare von 1752 (Rep. H 76) und 1821 (Rep. H 79) sowie die bau- und kulturgeschichtliche Beschreibung um 1845 erlauben eine vergleichende Analyse der sich wandelnden Raumfunktionen.
Im Zuge der stockenden Bauarbeiten am Schloss Angern im Herbst 1737 zeichnete sich ein wachsender Finanzierungsbedarf ab, den Christoph Daniel Freiherr von der Schulenburg nicht ausschließlich aus eigenen Rücklagen decken konnte. In einem Schreiben vom 16. Oktober 1737 (Gutsarchiv Angern, Rep. H Angern Nr. 412, Nr. 2) ersuchte sein Verwalter Croon den Bauherrn um die Zuweisung von weiteren 100 Louis d’or, um ausstehende Zahlungen an Handwerker zu begleichen und Materialvorräte für den Frühjahrsbeginn 1738 anzulegen.
Inszenierte Herrschaft im Interieur – Die Ausstattung des Schlosses Angern im Spiegel des Inventars von 1752. Die Ausstattung adeliger Wohnsitze im 18. Jahrhundert war mehr als nur funktionale Möblierung: Sie diente der Repräsentation, der sozialen Codierung und der performativen Inszenierung von Herrschaft, Bildung und weltläufigem Geschmack. Das Inventar des Schlosses Angern aus dem Jahr 1752 (Gutsarchiv Angern, Rep. H 76) erlaubt einen selten detaillierten Blick in die Wohnkultur eines preußisch-altmärkischen Adligen der Barockzeit. Christoph Daniel von der Schulenburg, General der Infanterie im Dienste des Königs von Sardinien, hatte das Schloss wenige Jahre zuvor als Teil einer umfassenden Besitz- und Herrschaftskonsolidierung neu errichten und vollständig ausstatten lassen. Die analysierten Einrichtungsgegenstände, Textilien, Dekorationselemente und Supraporten spiegeln nicht nur die internationale Herkunft des Besitzers, sondern auch seine Ambition, in Angern ein stilistisch kohärentes und symbolisch aufgeladenes Herrschaftszentrum zu etablieren.
Angern

Angern, Sachsen-Anhalt, Landkreis Börde. Heft 20, Berlin 2023 (ISBN: 978-3-910447-06-6).
Alexander Graf von der Schulenburg, Klaus-Henning von Krosigk, Sibylle Badstübner-Gröger.
Herausgeber: Deutsche Gesellschaft e.V.
Umfang: 36 Seiten, 59 Abbildungen.