Wasserschloss Angern
Das Wasserschloss Angern wurde 1736 im Auftrag von Christoph Daniel v.d. Schulenburg im Rokoko-Stil erbaut und 1843 klassizistisch umformt.

Objekt: Geflügel- und Küchenstillleben
Standort: Schloss Angern, Sachsen-Anhalt
Historischer Besitz: Familie von der Schulenburg
Datierung: vermutlich erste Hälfte des 18. Jahrhunderts
Technik: Ölmalerei auf Leinwand oder Holzträger
Gattung: Tier- und Küchenstillleben
Format: hochrechteckig
Status: historisch überliefert, heutiger Verbleib unbekannt beziehungsweise nicht gesichert

 

Rekonstruktive Sichtbarmachung auf Grundlage historischer Fotografie

1. Einleitung

Das vorliegende Gemälde zeigt ein hochformatiges Geflügel- und Küchenstillleben, das sich historisch im Bestand von Schloss Angern befand. Die Darstellung verbindet Elemente der Tiermalerei mit typischen Motiven barocker Küchen- und Vorratsstillleben.

Das Bild ist Teil einer supraportenartigen Aufsatzkonstruktion über einer Tür. Die übrigen hochformatigen Bilder an der Wand sind dagegen eher Wandbilder einer späteren Hängung und nicht automatisch Supraporten.

2. Bildbeschreibung

Die Komposition zeigt mehrere Hühner beziehungsweise Hennen innerhalb einer dunklen Küchen- oder Vorratsszene. Ein weißes Huhn dominiert den oberen Bildbereich und steht erhöht auf einem kupfernen Gefäß. Im unteren Bereich befinden sich weitere Tiere sowie Gemüse- und Küchenobjekte, darunter vermutlich Lauch, Zwiebeln oder Kartoffeln.

Die Gegenstände sind auf engem Raum arrangiert und durch eine konzentrierte Lichtführung aus dem dunklen Hintergrund herausmodelliert. Besonders die helle Gefiederzeichnung der Tiere hebt sich wirkungsvoll von der dunklen Umgebung ab.

Die Gesamtwirkung ist ruhig und geschlossen. Die Szene besitzt weniger erzählerischen als vielmehr dekorativen Charakter und konzentriert sich auf Materialwirkung, Tierdarstellung und atmosphärische Lichtführung.

3. Stilistische Einordnung

Das Werk steht stilistisch deutlich in der Tradition barocker Tier- und Küchenstillleben des späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts. Besonders die dunkle Chiaroscuro-Wirkung, die Konzentration auf wenige plastisch beleuchtete Objekte sowie die Verbindung aus Geflügel, Küchenutensilien und Gemüse erinnern an norditalienische und lombardische Bildtraditionen. Die erdige Farbpalette, die reduzierte Raumtiefe und die dramatische Lichtführung entsprechen typischen Merkmalen barocker Interieur- und Stilllebenmalerei.

Besonders auffällig ist die dekorative Geschlossenheit der Komposition. Die Objekte erscheinen nicht zufällig arrangiert, sondern folgen einem bewusst komponierten Aufbau, der auf Fernwirkung und dekorative Raumwirkung ausgerichtet ist.

4. Möglicher kunsthistorischer Kontext

Das Gemälde weist deutliche Parallelen zur lombardischen Tier- und Stilllebenmalerei des frühen 18. Jahrhunderts auf. Besonders die charaktervolle Darstellung des Federviehs sowie die Verbindung aus bäuerlicher Küchenatmosphäre und dekorativer Inszenierung erinnern an Bildtypen aus dem Umfeld von Angelo Maria Crivelli, genannt „Il Crivellone“. Crivelli und verwandte lombardische Maler spezialisierten sich auf Tierstücke, Geflügeldarstellungen und Küchenstillleben mit starkem Hell-Dunkel-Kontrast und dekorativer Materialwirkung.

Eine direkte Zuschreibung an Angelo Maria Crivelli erscheint anhand der vorliegenden Bildüberlieferung jedoch nicht haltbar. Wahrscheinlicher ist eine qualitätvolle Werkstatt-, Nachfolge- oder Umfeldarbeit, die sich an norditalienischen Vorbildern orientierte. Das Werk zeigt damit exemplarisch die Rezeption italienischer und insbesondere lombardischer Bildtraditionen innerhalb höfischer Interieurkunst des 18. Jahrhunderts.

5. Funktion innerhalb des Schlossinterieurs

Das hochrechteckige Format spricht eher gegen eine klassische waagerechte Türsupraporte oberhalb einer Türöffnung. Gleichzeitig deutet die geschweifte architektonische Einbindung des Bildes darauf hin, dass es ursprünglich Teil eines fest integrierten dekorativen Möbel- oder Wandensembles gewesen sein könnte.

Die Darstellung von Geflügel, Küchenobjekten und Vorratsmotiven passt besonders gut in den Kontext höfischer Speise- und Wohnkultur des 18. Jahrhunderts. Solche Gemälde dienten weniger der autonomen Kunstbetrachtung als vielmehr der dekorativen Ergänzung repräsentativer Innenräume.

Gerade Küchen-, Jagd- und Geflügelstillleben besaßen im höfischen Kontext eine doppelte Funktion: Sie verwiesen einerseits auf Wohlstand, Vorrat und Haushaltsführung, andererseits auf Jagd, Tafelkultur und aristokratische Repräsentation.

Die architektonische Einbindung des Bildes deutet zusätzlich darauf hin, dass die Darstellung ursprünglich nicht als freihängiges Einzelwerk, sondern als Bestandteil eines größeren dekorativen Interieursystems konzipiert war.

Speisesaal Schloss Angern

6. Schloss Angern und internationale Bildkultur

Die Familie von der Schulenburg gehörte zu den bedeutenden Adelsgeschlechtern des preußischen Raumes und orientierte sich kulturell stark an internationalen höfischen Kunsttraditionen.

Innerhalb der Ausstattung von Schloss Angern begegnen italienische Veduten, Bacchanalszenen, Landschaften, chinoise Motive sowie Küchen- und Tierstillleben nebeneinander. Dies verweist auf eine ausgesprochen europäisch geprägte Sammlungskultur des 18. Jahrhunderts.

Das vorliegende Geflügelstillleben ergänzt dieses Bildprogramm um eine norditalienisch beziehungsweise lombardisch beeinflusste Variante höfischer Interieurmalerei.

Besonders bemerkenswert ist dabei die Verbindung unterschiedlicher europäischer Bildtraditionen innerhalb desselben Schlossinterieurs. Venezianische Veduten, italienische Genreszenen, chinoise Dekorationsmalerei und lombardisch beeinflusste Tierstillleben bildeten offenbar gemeinsam ein vielschichtiges höfisches Raumprogramm.

7. Erhaltungszustand und Bildüberlieferung

Die heutige Beurteilung des Werkes basiert auf fotografischer beziehungsweise digital rekonstruierter Überlieferung. Aussagen zu Maltechnik, Firnis, Craquelé oder restauratorischen Eingriffen können daher nur eingeschränkt getroffen werden. Die erhaltene Bildwirkung lässt jedoch auf eine ursprünglich qualitätvolle dekorative Ausführung schließen.

Die digitale Rekonstruktion dient ausschließlich der besseren Sichtbarmachung der historischen Bildstruktur und erhebt keinen Anspruch auf vollständige Authentizität der Farbigkeit oder Oberflächenwirkung.

8. Die Geflügel- und Küchenstillleben im Kontext des Speisesaals

Eine historische Fotografie des Speisesaals beziehungsweise eines vergleichbaren Interieurs von Schloss Angern erlaubt erstmals eine Einordnung der Geflügel- und Küchenstillleben innerhalb ihres späteren raumkünstlerischen Zusammenhangs.

Die Aufnahme zeigt mehrere hochformatige Geflügel- und Küchenstillleben unterschiedlicher Größe, die offenbar als zusammengehörige dekorative Werkgruppe präsentiert wurden. Besonders auffällig ist die Dominanz von Federvieh-, Küchen- und Stilllebenmotiven, die hervorragend zu den Inventarbeschreibungen von 1752 passen.

Mehrere der dargestellten Bilder lassen sich motivisch mit den im Inventar genannten „Surporten“ beziehungsweise Küchen-, Geflügel- und Fruchtstücken in Verbindung bringen. Hierzu zählen insbesondere:

  • „1 Surporte oder Malerei, ein Huhn und etwas Küchenfrüchte vorstellend“,
  • „1 Surporte mit 1 Kapaun, 2 Hühner und 1 Hahn“,
  • „1 Surporte mit 1 Hasen, 2 Hühnern und 3 Tauben“,
  • sowie weitere Küchen- und Vorratsstillleben.

Die Fotografie dokumentiert zugleich, dass die ursprüngliche barocke Raumordnung des 18. Jahrhunderts offenbar im Laufe des 19. oder frühen 20. Jahrhunderts verändert wurde. Die Bilder erscheinen nicht mehr streng architekturgebunden als klassische Supraporten, sondern in einer salonartigen Wandhängung historisch gewachsener Interieurkunst.

Gerade diese gewachsene Präsentationsform besitzt hohen ausstattungs- und kulturgeschichtlichen Wert, da sie den langfristigen Umgang adeliger Wohnkultur mit älteren Bildbeständen dokumentiert.

Die historische Fotografie des Speisesaals besitzt dabei besondere Bedeutung, da sie nicht nur einzelne Gemälde dokumentiert, sondern zugleich ihre spätere Einbindung innerhalb eines historisch gewachsenen Schlossinterieurs sichtbar macht.

geflügel stilleben lombardei angern

Mit Hilfe von KI vergrößertes und coloriertes Stilleben im "Großen Zimmer" des Schlosses Angern

9. Stilistische Einheit und Interieurwirkung

Die auf der historischen Fotografie erkennbaren Geflügel-, Küchen- und Stilllebenbilder zeigen eine auffällige stilistische Geschlossenheit. Besonders die dunkle Chiaroscuro-Wirkung, die konzentrierte Lichtführung sowie die ruhigen, objektzentrierten Kompositionen verbinden die Werke zu einer dekorativen Gesamtgruppe.

Die Bilder weisen stilistische Parallelen zur norditalienischen beziehungsweise lombardischen Tier- und Küchenstilllebenmalerei des frühen 18. Jahrhunderts auf, wie sie auch im Umfeld Angelo Maria Crivellis verbreitet war. Wahrscheinlich handelt es sich um werkstattmäßig oder dekorativ zusammenhängende Interieurbilder.

Vergleichbare Werkgruppen wurden im 18. Jahrhundert häufig als aufeinander abgestimmte Serien für höfische und adelige Interieurs geschaffen. Die dekorative Einheit der Angerner Bilder spricht dafür, dass auch hier ein bewusst abgestimmtes Raumprogramm vorlag.

Besonders bemerkenswert ist das Zusammenspiel zwischen den gemalten Küchen- und Vorratsobjekten und den realen Ausstattungsgegenständen des Raumes. Auf der historischen Fotografie ist ein kleiner verglaster Eckschrank mit Porzellanobjekten erkennbar. Die Kombination aus realem Porzellanbesitz und gemalter Stilllebenwelt entsprach einem typischen Prinzip barocker und höfischer Interieurkunst, bei der materieller Besitz, Repräsentation und dekorative Bildprogramme bewusst miteinander verbunden wurden.

Christoph Daniel von der Schulenburg und norditalienische Bildkultur

Auch die norditalienisch beziehungsweise lombardisch geprägten Geflügel- und Küchenstillleben fügen sich bemerkenswert gut in den historischen und kulturellen Kontext Christoph Daniel I (1679-1763) ein. Norditalien, die Lombardei, Piemont und insbesondere Turin gehörten zu jenen Regionen, in denen Christoph Daniel von der Schulenburg im frühen 18. Jahrhundert politisch, militärisch und diplomatisch tätig war.

Die stilistische Nähe der Angerner Stillleben zu lombardischen Tier- und Küchenstücken des frühen 18. Jahrhunderts erscheint vor diesem Hintergrund keineswegs zufällig. Selbst wenn die Gemälde nicht unmittelbar aus Italien importiert worden sein sollten, spiegeln ihre Bildsprache, ihre Lichtführung und ihre Motivwelt genau jenes kulturelle Umfeld wider, das Christoph Daniel während seiner langen Verbindungen zum sardisch-piemontesischen Hof und zur norditalienischen Adelskultur kennengelernt hatte.

Die Angerner Interieurausstattung dokumentiert damit nicht nur dekorative Vorlieben des europäischen Hochadels, sondern zugleich die enge kulturelle Orientierung der Familie von der Schulenburg an italienischen und höfisch-internationalen Kunsttraditionen des 18. Jahrhunderts.

Auftragspraxis und höfische Interieurkunst des 18. Jahrhunderts

Die Angerner Gemälde entstanden wahrscheinlich nicht als isolierte Einzelwerke, sondern als Bestandteil eines dekorativen Ausstattungsprogramms für bestimmte Räume des Schlosses. Im 18. Jahrhundert wurden vergleichbare Bildgruppen häufig als zusammengehörige Serien oder Interieurzyklen in Auftrag gegeben beziehungsweise über Kunsthändler und Werkstätten erworben.

Besonders höfische und adelige Auftraggeber ließen nicht einzelne Gemälde, sondern abgestimmte Raumensembles aus Landschaften, Veduten, Stillleben, Bacchanalszenen oder Chinoiserien ausführen. Die Bilder waren dabei eng mit Möbeln, Wandbespannungen, Spiegeln, Porzellan und der gesamten Raumarchitektur verbunden.

Die stilistische Geschlossenheit der Angerner Werkgruppen spricht dafür, dass auch hier ein bewusst abgestimmtes dekoratives Interieurprogramm vorlag. Wahrscheinlich orientierten sich die ausführenden Maler an verbreiteten italienischen und höfisch-europäischen Bildtraditionen, wie sie im Umfeld venezianischer Vedutenmalerei, lombardischer Stilllebenkunst und dekorativer Werkstattmalerei des frühen 18. Jahrhunderts verbreitet waren.

Vergleich innerhalb der Altmark und der ehemaligen Provinz Sachsen

Vergleichbare historisch dokumentierte Supraporten- und Interieurprogramme des 18. Jahrhunderts sind innerhalb der Altmark und der ehemaligen preußischen Provinz Sachsen heute nur noch selten erhalten. Viele adelige Schloss- und Gutshausausstattungen wurden im 19. und 20. Jahrhundert verändert, zerstreut oder infolge der Enteignungen nach 1945 zerstört.

Gerade die Verbindung aus archivalisch gesichertem Inventar, historischer Fotografie und teilweise erhaltener Bildüberlieferung macht Schloss Angern aus ausstattungs- und kulturgeschichtlicher Sicht besonders bemerkenswert.

Vergleichbare höfische Interieurtraditionen finden sich eher in größeren barocken Schlossanlagen wie Schloss Hundisburg, Schloss Mosigkau oder dem ehemaligen Schloss Zerbst. Die Ausstattung von Schloss Angern wirkt jedoch stärker durch internationale italienische und höfisch-europäische Bildkultur geprägt.

Besonders die Kombination venezianischer Veduten, lombardisch beeinflusster Küchenstillleben, italienischer Bacchanalszenen und chinoiser Dekorationsmalerei verweist auf eine ausgesprochen kosmopolitische Adelskultur, die innerhalb eines altmärkischen Landsitzes bemerkenswert erscheint.

Möglicher heutiger Verbleib der Gemälde

Der heutige Verbleib der historischen Gemälde aus Schloss Angern ist größtenteils ungeklärt. Im Zuge der Enteignungen und Auflösungen adeliger Besitzungen nach 1945 wurden zahlreiche Ausstattungsstücke aus Schlössern der Altmark und der ehemaligen preußischen Provinz Sachsen zerstreut, verkauft, umgehängt oder gingen verloren.

Besonders dekorative Interieurbilder wie Supraporten, Landschaften, Veduten oder Küchenstillleben wurden häufig aus ihrem ursprünglichen Raumzusammenhang gelöst und gelangten ohne gesicherte Provenienz in Privatbesitz, den regionalen Kunsthandel oder kleinere Auktionen.

Da viele der Angerner Werke vermutlich Werkstatt- oder Umfeldarbeiten ohne eindeutige Signaturen waren, besteht die Möglichkeit, dass einzelne Gemälde bis heute unerkannt existieren. Die erhaltenen historischen Fotografien sowie die Inventarbeschreibungen von 1752 besitzen daher besondere Bedeutung, da sie künftig eine Identifizierung einzelner Werke ermöglichen könnten.

10. Zusammenfassung

Das Geflügel- und Küchenstillleben aus Schloss Angern ist als qualitätvolles dekoratives Interieurbild des frühen 18. Jahrhunderts einzuordnen. Es verbindet Tiermalerei, Küchenstillleben und höfische Ausstattungsfunktion und war offenbar Teil einer supraportenartigen Aufsatzkonstruktion innerhalb des historischen Schlossinterieurs.

Stilistisch steht das Werk im Umfeld norditalienischer beziehungsweise lombardischer Tier- und Stilllebenmalerei. Die dunkle Chiaroscuro-Wirkung, die konzentrierte Lichtführung, die erdige Farbpalette sowie die charaktervolle Darstellung des Federviehs zeigen deutliche Parallelen zu Bildtraditionen, wie sie im Umkreis Angelo Maria Crivellis verbreitet waren. Eine direkte Zuschreibung an Crivelli oder einen anderen bekannten Meister ist jedoch nicht gesichert; wahrscheinlicher ist eine qualitätvolle Werkstatt-, Nachfolge- oder Umfeldarbeit.

Die historische Fotografie des Speisesaals zeigt, dass das Bild nicht isoliert zu betrachten ist. Es gehörte zu einem größeren Ensemble von Geflügel-, Küchen- und Stilllebenbildern, die mit den im Inventar von 1752 genannten Surporten, Küchen-, Geflügel- und Fruchtstücken in Verbindung stehen. Während das beschriebene Bild selbst durch seine architektonische Einbindung supraportenartig gefasst war, sind die übrigen hochformatigen Wandbilder eher als spätere salonartige Hängung älterer Interieurbilder zu verstehen.

Besonders bedeutsam ist der Zusammenhang mit Christoph Daniel von der Schulenburg. Die norditalienisch-lombardische Bildsprache passt auffallend gut zu dessen politischem, militärischem und diplomatischem Wirkungsraum zwischen Piemont, Turin, Lombardei und Norditalien. Auch wenn ein direkter Import nicht nachweisbar ist, spiegelt das Werk jene höfisch-internationale Kunstwelt wider, in der sich Christoph Daniel bewegte.

Für Schloss Angern besitzt das Gemälde daher vor allem ausstattungs-, kultur- und sammlungsgeschichtlichen Wert. Es dokumentiert die europäische Orientierung der Familie von der Schulenburg, die Verbindung von realem Besitz und gemalter Repräsentation sowie die Einbindung internationaler Bildtraditionen in ein altmärkisches Schlossinterieur. Die Kombination aus Inventarnachweis, historischer Fotografie und stilistischer Analyse macht das Werk zu einem wichtigen Baustein für die Rekonstruktion der verlorenen Ausstattung von Schloss Angern.

In jedem Jahrhundert erlebt die Familie von der Schulenburg und das Haus in Angern bedeutende Veränderungen, doch sie lassen sich nie entmutigen – immer wieder gelingt ein entschlossener Neuanfang gemäß dem Leitsatz "Halte fest was Dir vertraut". Bis 11. Jahrhundert , 12. Jahrhundert , 13. Jahrhundert , 14. Jahrhundert , 15. Jahrhundert , 16. Jahrhundert , 17. Jahrhundert , 18. Jahrhundert , 19. Jahrhundert , 20. Jahrhundert , 21. Jahrhundert .
Schloss Angern – Baugeschichte, Raumbild und kultureller Wandel zwischen Mittelalter, Barock und Klassizismus. Die Geschichte von Schloss Angern in der Altmark ist ein exemplarisches Zeugnis adeliger Bau- und Lebensformen im Wandel der Jahrhunderte. Als aus einer hochmittelalterlichen Wasserburg hervorgegangenes Gutsschloss vereint die Anlage bauliche Schichten aus drei Epochen: der Gründungsphase um 1340, dem barocken Ausbau unter Generalleutnant Christoph Daniel von der Schulenburg ab 1738 und der klassizistischen Umformung durch Edo Graf von der Schulenburg um 1843. Die erhaltene Raumstruktur mit Hauptinsel, Turminsel und Vorburg, die Integration mittelalterlicher Gewölbe, die klar gegliederte barocke Raumordnung und die klassizistische Repräsentationskultur des 19. Jahrhunderts machen Schloss Angern zu einem einzigartigen Zeugnis ländlicher Adelskultur in Mitteldeutschland. Die Architektur erzählt von militärischer Funktion, gutsherrlicher Selbstvergewisserung und bürgerlich-rationaler Modernisierung – ein Ensemble, das in seiner Vielschichtigkeit die Transformationsprozesse adliger Repräsentation zwischen Spätmittelalter und Moderne sichtbar macht.
Die Nutzung des ab 1738 neu errichteten Herrenhauses in Angern unter General Christoph Daniel von der Schulenburg lässt sich im Kontext des mitteldeutschen Landadels als exemplarisch für den funktionalen und repräsentativen Anspruch barocker Gutshausarchitektur einordnen. Analog zu anderen Adelsresidenzen dieser Zeit gliederte sich das Nutzungsschema in Wohnfunktion , administrative Nutzung , Repräsentation , Sammlungstätigkeit und symbolisch-dynastische Verankerung . Der Rundgang durch das Schloss Angern um 1750 zeigt eindrücklich, wie dieses Haus weit über seine unmittelbaren Wohn- und Verwaltungsfunktionen hinaus als architektonischer Ausdruck adeliger Identität diente. Die Räume fungierten als Träger von Macht, Bildung, Status und genealogischer Erinnerung – sorgfältig gegliedert in öffentliches Auftreten, persönliche Rückzugsräume und repräsentative Ordnung. Der Raum links neben dem Gartensaal um 1750
Die bauliche Umgestaltung des Herrenhauses in Angern in den Jahren um 1843 markiert einen tiefgreifenden Wandel in der Nutzung und Raumordnung des Hauses. Unter den Nachfahren des Generals Christoph Daniel von der Schulenburg wurde das barocke Erscheinungsbild durch klassizistische Elemente überformt, die sich sowohl in der Fassadengestaltung als auch in der Raumgliederung widerspiegeln.Es dominierte eine hell verputzte Fassade und eine vereinfachte Tür- und Fensterrahmung. Diese Elemente spiegeln die Orientierung am Ideal der "edlen Einfachheit" wider, wie sie seit Winckelmann als Leitbild klassizistischer Baukunst galt. Dieser Umbau ist im Kontext der Adelsgeschichte des 19. Jahrhunderts als Ausdruck einer funktionalen Anpassung und bürgerlich geprägten Repräsentationskultur zu verstehen. Der Raum links neben dem Gartensaal Anfang des 20. Jahrhunderts (KI coloriert)
Ein Bau im Schatten der Mängel: Der Schlossneubau in Angern 1737–1739 als Spiegel barocker Baupraxis: Der barocke Neubau des Schlosses Angern in den Jahren 1737 bis 1739 stellt ein instruktives Beispiel für die Spannungsfelder adeliger Repräsentation, wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit und administrativer Kontrolle im 18. Jahrhundert dar. Die erhaltenen Berichte von Oberamtmann Croon an Christoph Daniel von der Schulenburg (Rep. H Angern Nr. 336) erlauben eine detailreiche Rekonstruktion des Baugeschehens, die sowohl Planungs- und Ausführungsmängel als auch die sozialen und strukturellen Rahmenbedingungen offenlegen. KI generierte Ansicht von Schloss Angern um 1750
Vom höfischen Tableau zur rationalisierten Wohnwelt: Die Wohn- und Funktionsräume des Schlosses Angern spiegeln in exemplarischer Weise den sozialen und kulturellen Wandel des Adels im langen 18. Jahrhundert wider. Zwischen dem Rokoko-inspirierten Repräsentationskonzept unter General Christoph Daniel von der Schulenburg (†1763), der verwaltungstechnisch durchrationalisierten Ordnung unter Friedrich Christoph Daniel (†1821) und dem klassizistischen Umbau unter Edo von der Schulenburg (ab 1841) lassen sich klare strukturelle und ästhetische Entwicklungslinien feststellen. Die verfügbaren Inventare von 1752 (Rep. H 76) und 1821 (Rep. H 79) sowie die bau- und kulturgeschichtliche Beschreibung um 1845 erlauben eine vergleichende Analyse der sich wandelnden Raumfunktionen.
Im Zuge der stockenden Bauarbeiten am Schloss Angern im Herbst 1737 zeichnete sich ein wachsender Finanzierungsbedarf ab, den Christoph Daniel Freiherr von der Schulenburg nicht ausschließlich aus eigenen Rücklagen decken konnte. In einem Schreiben vom 16. Oktober 1737 (Gutsarchiv Angern, Rep. H Angern Nr. 412, Nr. 2) ersuchte sein Verwalter Croon den Bauherrn um die Zuweisung von weiteren 100 Louis d’or, um ausstehende Zahlungen an Handwerker zu begleichen und Materialvorräte für den Frühjahrsbeginn 1738 anzulegen.
Inszenierte Herrschaft im Interieur – Die Ausstattung des Schlosses Angern im Spiegel des Inventars von 1752. Die Ausstattung adeliger Wohnsitze im 18. Jahrhundert war mehr als nur funktionale Möblierung: Sie diente der Repräsentation, der sozialen Codierung und der performativen Inszenierung von Herrschaft, Bildung und weltläufigem Geschmack. Das Inventar des Schlosses Angern aus dem Jahr 1752 (Gutsarchiv Angern, Rep. H 76) erlaubt einen selten detaillierten Blick in die Wohnkultur eines preußisch-altmärkischen Adligen der Barockzeit. Christoph Daniel von der Schulenburg, General der Infanterie im Dienste des Königs von Sardinien, hatte das Schloss wenige Jahre zuvor als Teil einer umfassenden Besitz- und Herrschaftskonsolidierung neu errichten und vollständig ausstatten lassen. Die analysierten Einrichtungsgegenstände, Textilien, Dekorationselemente und Supraporten spiegeln nicht nur die internationale Herkunft des Besitzers, sondern auch seine Ambition, in Angern ein stilistisch kohärentes und symbolisch aufgeladenes Herrschaftszentrum zu etablieren.
Angern

Angern, Sachsen-Anhalt, Landkreis Börde. Heft 20, Berlin 2023 (ISBN: 978-3-910447-06-6).
Alexander Graf von der Schulenburg, Klaus-Henning von Krosigk, Sibylle Badstübner-Gröger.
Herausgeber: Deutsche Gesellschaft e.V.
Umfang: 36 Seiten, 59 Abbildungen.