Wasserschloss Angern
Das Wasserschloss Angern wurde 1736 im Auftrag von Christoph Daniel v.d. Schulenburg im Rokoko-Stil erbaut und 1843 klassizistisch umformt.

Der letzte Erbe der alten Linie Angern. Heinrich Hartwig I. von der Schulenburg, Sohn von Henning Christoph, war der letzte bedeutende Vertreter der älteren Linie auf dem Rittergut Angern, ehe dieses durch seinen Bruder Christoph Daniel vollständig in der jüngeren Linie des weißen Stammes zusammengeführt wurde. Nach dem frühen Tod seines Vaters trat Heinrich Hartwig als Erbe des Burghofs hervor und bemühte sich in schwieriger Zeit um die wirtschaftliche Konsolidierung des Besitzes. Seine Rolle als Gutsherr, seine Teilnahme am savoyischen Militärdienst sowie seine familiären Verbindungen dokumentieren exemplarisch die Lebensrealität eines altmärkischen Adligen im Übergang vom Dreißigjährigen Krieg zur barocken Neuordnung der Gutswirtschaft.

Herkunft und familiärer Hintergrund

Heinrich Hartwig I. von der Schulenburg wurde am 23. September 1677 auf dem Rittergut Angern oder nach anderen Quellen in Staßfurth geboren. Er entstammte dem altmärkischen Adelsgeschlecht von der Schulenburg und war der älteste Sohn des kurbrandenburgischen Hauptmanns Henning Christoph von der Schulenburg (* 1648/49; † 1683) und dessen Ehefrau Marie Dorothea von Legat. Nach dem frühen Tod seines Vaters im Jahr 1683, der mit nur 34 Jahren verstarb, trat Heinrich Hartwig noch als Minderjähriger das väterliche Erbe an. Damit wurde er zum Haupt der älteren Linie Angern, die genealogisch aus der weißen Linie des Geschlechts von der Schulenburg hervorging. Die Nachfolge in so jungem Alter markierte den Beginn einer langen familiären Verantwortung über das zentrale Gut der Familie in Angern.

Militärischer Werdegang

Wie viele Angehörige des altmärkischen Adels schlug auch Heinrich Hartwig I. von der Schulenburg eine militärische Laufbahn ein. Im Jahr 1700 trat er gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Christoph Daniel I. in den Dienst des Herzogs von Savoyen ein. Beide wurden Teil des Schulenburg’schen Regiments, das unter dem Kommando ihres Onkels Matthias Johann von der Schulenburg stand – jenes berühmten Feldmarschalls, der später als Verteidiger von Korfu bekannt wurde. Heinrich Hartwig diente dort als Hauptmann, kehrte jedoch nach zwei Jahren nach Angern zurück. Der Grund für seinen frühen Austritt aus dem Militärdienst lag wohl in der Verantwortung für das väterliche Rittergut Angern, das nach dem Tod seines Vaters 1683 in seine Hände übergegangen war. Mit dem Ende seiner militärischen Laufbahn widmete sich Heinrich Hartwig dauerhaft der Bewirtschaftung, dem Ausbau und der Konsolidierung des Gutsbesitzes, was ihn in den folgenden Jahrzehnten zu einer prägenden Figur der älteren Linie Angern machte.

Besitzübernahmen und Gütererwerb

Nach seiner Rückkehr aus dem Militärdienst trat Heinrich Hartwig I. das väterliche Erbe an und übernahm unter anderem den Burghof, den Kernbereich des Ritterguts Angern. In den folgenden Jahren konnte er durch gezielte Transaktionen und innerfamiliäre Erbfolgen seinen Besitz deutlich erweitern:

  • 1712 erwarb er gemeinsam mit seinem Bruder Christoph Daniel das Dorf Mahlwinkel von ihrem Onkel Matthias Daniel von der Schulenburg.
  • 1723 verkaufte er sowohl Mahlwinkel als auch das inzwischen an ihn gefallene Gut Schricke an seinen Onkel Joachim Rudolph zurück.
  • 1718 erbte er nach dem Tod seines kinderlosen Onkels Friedrich August von der Schulenburg einen weiteren Anteil des Burghofs. Diese Erbschaft stellte eine wichtige Etappe innerhalb der familiären Besitzkonzentration dar und bereitete indirekt den späteren Rückerwerb des Gesamtguts durch Christoph Daniel vor.

Trotz dieser Zuwächse blieb das Rittergut Angern vorerst zersplittert. Die Gutsanteile Angern-Vergunst und Alt-Hansens Teil verblieben im Besitz seines Vetters Adolf Friedrich Graf von der Schulenburg der älteren Linie. Die unklare Eigentumslage führte zu jahrelangen, erbitterten Auseinandersetzungen zwischen den Familienzweigen, die sich in langwierigen Gerichtsverfahren niederschlugen und das Verhältnis nachhaltig belasteten.

Heinrich Hartwig verstarb am 17.06.1734 auf Angern. Sein Steinsarg sowie der seiner Frau Katharina Sophie befindet sich noch heute in der Familiengruft der Kirche Angern, jedoch blieb ihr Sarg leer und sie wurde offenbar an anderer Stelle beigesetzt. Nach Heinrich Hartwigs Tod im Jahr 1734 kam es zur Insolvenz, und das Gut musste an Gläubiger übergeben werden. Sein Bruder Christoph Daniel kaufte daraufhin in den Jahren 1735 bis 1738 sämtliche Teile von Angern – einschließlich Vergunst und Alt-Hansens Teil – und vereinte das zuvor zersplitterte Gut unter seiner alleinigen Herrschaft. Damit wurde Angern erstmals vollständig in der Hand der jüngeren Linie des weißen Stammes vereinigt.

Heinrich Hartwig von der Schulenburg, Angern

Heinrich Hartwig I. von der Schulenburg

Das Wohnhaus Heinrich Hartwig I. von der Schulenburgs auf der Turminsel von Angern war ein schlichtes, aber funktional durchdachtes Ensemble aus drei Hauptbestandteilen: einem zweigeschossigen Haupthaus, einem eingeschossigen Nebengebäude und dem eingebundenen Rest des mittelalterlichen Bergfrieds. Der Wiederaufbau nach der Zerstörung der Burg im Dreißigjährigen Krieg kombinierte pragmatische Nachkriegsarchitektur mit punktuell gehobenem Komfort: Butzenscheiben, Alkovenstuben mit Kachelöfen, differenzierte Vorratsräume und ein stattlicher Speisesaal zeugen davon. Der Turm diente nicht mehr militärischen Zwecken, sondern wurde als Wohn- und Lagerraum genutzt; so wird im Inventar beispielsweise eine Turmstube erwähnt. Das erhaltene Inventar (Gutsarchiv Angern, Rep. H Nr. 409) dokumentiert Textilien, Möbel und Hausrat in bemerkenswerter Dichte. Trotz enger Wohnverhältnisse für eine Familie mit zahlreichen Kindern und Personal bietet das Haus ein anschauliches Bild adliger Lebensführung im ländlichen Brandenburg der Nachkriegszeit. Vor dem teilweisen Abriss des Gebäudes im Rahmen des Neubaus durch Christoph Daniel ab 1735 wurden offenbar gezielt Einrichtungsgegenstände wie Türen, Beschläge und Öfen ausgebaut und wiederverwendet.

Eine Gedenkinschrift aus dem Jahr 1734 dokumentiert die Erweiterung der Kirche und den vollständigen Neubau des Turms in Angern, maßgeblich gestiftet von Heinrich Hartwig von der Schulenburg, der die Finanzierung fast vollständig übernahm, jedoch vor Vollendung verstarb und in einem Gewölbe unter dem Turm bestattet wurde. Sein Bruder, ein Major, steuerte zusätzlich 600 Taler bei. Der damalige Prediger war Magister Benjamin Leistnius. In pietistischer Sprache bittet die Inschrift um göttlichen Schutz für Kirche, Turm und das „hochselige Haus“ der Schulenburg – ein eindrucksvolles Zeugnis adliger Stifterpraxis, Gedächtniskultur und religiöser Gesinnung des frühen 18. Jahrhunderts.

Kirche Angern, Gedenkinschrift

Eheschließung 1704 mit Katharina Sophie von Tresckow a. d. H. Nigripp (1688–1742). Heinrich Hartwig I. hatte mit seiner Frau acht Söhne und eine Tochter, welche jung starb, während vier Söhne am Leben blieben und drei von ihnen den Stamm fortsetzten.

Erster und ältester Sohn: Heinrich Hartwig II

Nachfolger Christoph Daniels I. als Chef seines deutschen Regiments in kgl. sardinischen Diensten wurde der älteste Sohn seines Bruders, Heinrich Hartwig II. (* 10.11.1705 zu Schricke; † 1754), der frühzeitig in das Regiment eingetreten war und als Generalmajor 1754 verstarb. Er war der letzte Schulenburg, der diese Charge innehatte. Er ging früh unter dem Namen Schulenburg v. Falkenberg in savoyische Dienste und trat ebenfalls in das v. d. Schulenburg'sche Regiment ein, wo er wie seine Vettern rasch befördert wurde. Der venezianische Feldmarschall schreibt von ihm 1733:

„Der General (Christoph Daniel) hat derzeit einen Neffen, den die Piemontesen äußerst loben – als einen höflichen, schönen und wohlgebildeten jungen Mann, der vier Sprachen spricht und sich mit Festungsbau auskennt. Er wird ihn mir schicken, damit er hier studiert und Dalmatien sowie Korfu sieht.“ („Le Général (Christoph Daniel) a actuellement un neveu que les Piémontais louent extrêmement comme un poli garçon beau et bienfait parlant quatre langues et entant la fortification; il me l'enverra pour étudier ici et pour voir la Dalmatie et Corfou.“)

Beim Abgang des Christoph Daniel erhielt er das v. d. Schulenburg'sche Regiment. In dem Patent als General-Major im Familienarchiv zu Salzwedel heißt er Heinrich Hartwig Schoulembourg v. Falkenberg. Auch sein Ölbild im Schloss zu Burgscheidungen ist verzeichnet als Schulenburg v. Falkenberg. Er war der letzte der Familie, der das vom venezianischen Feldmarschall errichtete deutsche Regiment als Chef befehligte.

Zweiter Sohn: Levin Friedrich III

Levin Friedrich III. von der Schulenburg (* 23. August 1708; † 27. Dezember 1739) war der zweite überlebende Sohn von Heinrich Hartwig I. und Katharina Sophia von Tresckow. Er trat zunächst wie seine Brüder in den sardinischen Militärdienst ein, verließ diesen jedoch bereits im Rang eines Hauptmanns, als ihm durch das Testament seines Großonkels Levin Friedrich I. das bedeutende Familiengut Schloss Burgscheidungen mit dem Rittergut Kirchscheidungen zugefallen war. Der Großonkel hatte nicht nur den Besitz testamentarisch übertragen, sondern auch die Eheschließung mit einer gewünschten Partnerin angeordnet: Henriette Elisabeth von Heßler aus dem Hause Vitzenburg. Diese Verbindung kam tatsächlich im Jahr 1733 zustande und wurde zur dynastischen Grundlage für den späteren Erwerb von Vitzenburg und Branderoda, die 70 Jahre später an das Haus von der Schulenburg fielen. Levin Friedrich III. setzte unmittelbar nach dem Erbantritt den repräsentativen Ausbau des Schlosses Burgscheidungen (1733–1735) fort und ließ das dortige Hospital vollenden – Zeichen eines modernen, aufgeklärten Gutsbetriebs. Aus der Ehe gingen zwei Töchter und zwei Söhne hervor, die letzteren führten die Linie Burgscheidungen fort. Porträts des Ehepaares sind in Burgscheidungen überliefert und belegen die Stellung dieser Linie innerhalb der Familie.

Dritter Sohn: Christoph Daniel II

Christoph Daniel II. (* 24. Januar 1712; † 10. September 1775) war der dritte Sohn von Heinrich Hartwig I. und Katharina Sophia von Tresckow. Ursprünglich war er von seinem gleichnamigen Onkel Christoph Daniel I (1679-1763) als Erbe des Fideikommisses Angern vorgesehen, wurde jedoch im Kodizill vom 12. August 1763 ausdrücklich von der Nachfolge ausgeschlossen. Als Begründung wurde angeführt, er sei „zu schwächlich“, um eheliche Leibeserben zu erwarten; zugleich wurde vermerkt, dass er sich bis dahin nicht zu einer standesgemäßen Eheschließung entschlossen habe. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits mit Friederike Louise, geb. von Hennings zu Altlandsberg zwei Söhne und eine Tochter, die er erst 1769 ehelichte. Die daraus resultierende Zurücksetzung führte zu einem Prozess gegen seinen jüngeren Bruder Alexander Friedrich Christoph, der jedoch in allen Instanzen erfolglos blieb.

Christoph Daniel II. schlug zunächst eine militärische Laufbahn im preußischen Heer ein und stieg bis zum Hauptmann im Dragoner-Regiment von Wulffen auf. Nach seinem Ausscheiden aus dem Militär wurde er 1754 zum Landrat des Kreises Oberbarnim gewählt und übte dieses Amt bis zu seinem krankheitsbedingten Rücktritt 1769 aus. Seine Nachkommenschaft erlosch im Mannesstamm. Die Tochter heiratete einen Justizbeamten namens Schreiber in Wriezen. Der jüngere Sohn, Karl Friedrich August von der Schulenburg (* um 1750), wurde am 5. Juni 1798 in den preußischen Grafenstand erhoben und heiratete noch im selben Jahr Wilhelmine Amalie, geb. von Korff, verwitwete Kammerherrin von Schmysing gen. von Korff auf Rippen; die Ehe blieb kinderlos. Der ältere Sohn ist namentlich nicht überliefert. Mit ihm endete die Linie Christoph Daniels II.

Vierter und jüngster Sohn und Nachfolger

Alexander Friedrich Christoph von der Schulenburg (* um 1715/1720; † nach 1774), der vierte und jüngste Sohn von Heinrich Hartwig I. (Nr. 909), war derjenige, dem es letztlich gelang, den Besitz Angern dauerhaft in der jüngeren Linie zu sichern. Ursprünglich als Soldat in kaiserlichen (österreichischen) Diensten tätig, brachte er es dort bis zum Oberst der Kavallerie (1759). Obwohl er nicht in preußischem Dienst stand, wurde er am 20. Juli 1753 durch Friedrich den Großen mit einem Diplom in den preußischen Grafenstand erhoben. Da das Diplom zunächst nicht eingelöst wurde, erfolgte die offizielle Publikation der Standeserhebung erst durch Kabinettsorder vom 16. Juli 1774. Die Bedingung zur Erbübernahme in Angern, wie sie Christoph Daniel I. in seinem Testament 1762 und dem Kodizill von 1763 formuliert hatte, war, den österreichischen Dienst zu verlassen und vom preußischen König eine Begnadigung für frühere kriegsbedingte Handlungen gegen Preußen zu erlangen. Alexander Friedrich Christoph erfüllte diese Auflagen und konnte nach dem Tod seines Onkels den Besitz Angern antreten – nachdem dieser ihn zunächst nur als Erben von Krüssau vorgesehen hatte.

Quelle

  • Graf von der Schulenburg, Dietrich Werner / Wätjen, Hans: Geschichte des Geschlechts von der Schulenburg (1237–1983), Wolfsburg: Selbstverlag, 1984 – eine umfassende Familiengeschichte mit detaillierten genealogischen, historischen und besitzgeschichtlichen Darstellungen, insbesondere zur Teilung des weißen Stammes und zur Rolle Busso I. von der Schulenburg.
  • Danneil, Johann Friedrich: Geschichte des Geschlechts von der Schulenburg, Bd. 2. Salzwedel: J. D. Schmidt, 1847.
  • Siehe auch Heinrich Hartwig bei Wikipedia
In jedem Jahrhundert erlebt die Familie von der Schulenburg und das Haus in Angern bedeutende Veränderungen, doch sie lassen sich nie entmutigen – immer wieder gelingt ein entschlossener Neuanfang gemäß dem Leitsatz "Halte fest was Dir vertraut". Bis 11. Jahrhundert , 12. Jahrhundert , 13. Jahrhundert , 14. Jahrhundert , 15. Jahrhundert , 16. Jahrhundert , 17. Jahrhundert , 18. Jahrhundert , 19. Jahrhundert , 20. Jahrhundert , 21. Jahrhundert .
Schloss Angern – Baugeschichte, Raumbild und kultureller Wandel zwischen Mittelalter, Barock und Klassizismus. Die Geschichte von Schloss Angern in der Altmark ist ein exemplarisches Zeugnis adeliger Bau- und Lebensformen im Wandel der Jahrhunderte. Als aus einer hochmittelalterlichen Wasserburg hervorgegangenes Gutsschloss vereint die Anlage bauliche Schichten aus drei Epochen: der Gründungsphase um 1340, dem barocken Ausbau unter Generalleutnant Christoph Daniel von der Schulenburg ab 1738 und der klassizistischen Umformung durch Edo Graf von der Schulenburg um 1843. Die erhaltene Raumstruktur mit Hauptinsel, Turminsel und Vorburg, die Integration mittelalterlicher Gewölbe, die klar gegliederte barocke Raumordnung und die klassizistische Repräsentationskultur des 19. Jahrhunderts machen Schloss Angern zu einem einzigartigen Zeugnis ländlicher Adelskultur in Mitteldeutschland. Die Architektur erzählt von militärischer Funktion, gutsherrlicher Selbstvergewisserung und bürgerlich-rationaler Modernisierung – ein Ensemble, das in seiner Vielschichtigkeit die Transformationsprozesse adliger Repräsentation zwischen Spätmittelalter und Moderne sichtbar macht.
Die Nutzung des ab 1738 neu errichteten Herrenhauses in Angern unter General Christoph Daniel von der Schulenburg lässt sich im Kontext des mitteldeutschen Landadels als exemplarisch für den funktionalen und repräsentativen Anspruch barocker Gutshausarchitektur einordnen. Analog zu anderen Adelsresidenzen dieser Zeit gliederte sich das Nutzungsschema in Wohnfunktion , administrative Nutzung , Repräsentation , Sammlungstätigkeit und symbolisch-dynastische Verankerung . Der Rundgang durch das Schloss Angern um 1750 zeigt eindrücklich, wie dieses Haus weit über seine unmittelbaren Wohn- und Verwaltungsfunktionen hinaus als architektonischer Ausdruck adeliger Identität diente. Die Räume fungierten als Träger von Macht, Bildung, Status und genealogischer Erinnerung – sorgfältig gegliedert in öffentliches Auftreten, persönliche Rückzugsräume und repräsentative Ordnung. Der Raum links neben dem Gartensaal um 1750
Die bauliche Umgestaltung des Herrenhauses in Angern in den Jahren um 1843 markiert einen tiefgreifenden Wandel in der Nutzung und Raumordnung des Hauses. Unter den Nachfahren des Generals Christoph Daniel von der Schulenburg wurde das barocke Erscheinungsbild durch klassizistische Elemente überformt, die sich sowohl in der Fassadengestaltung als auch in der Raumgliederung widerspiegeln.Es dominierte eine hell verputzte Fassade und eine vereinfachte Tür- und Fensterrahmung. Diese Elemente spiegeln die Orientierung am Ideal der "edlen Einfachheit" wider, wie sie seit Winckelmann als Leitbild klassizistischer Baukunst galt. Dieser Umbau ist im Kontext der Adelsgeschichte des 19. Jahrhunderts als Ausdruck einer funktionalen Anpassung und bürgerlich geprägten Repräsentationskultur zu verstehen. Der Raum links neben dem Gartensaal Anfang des 20. Jahrhunderts (KI coloriert)
Vom höfischen Tableau zur rationalisierten Wohnwelt: Die Wohn- und Funktionsräume des Schlosses Angern spiegeln in exemplarischer Weise den sozialen und kulturellen Wandel des Adels im langen 18. Jahrhundert wider. Zwischen dem Rokoko-inspirierten Repräsentationskonzept unter General Christoph Daniel von der Schulenburg (†1763), der verwaltungstechnisch durchrationalisierten Ordnung unter Friedrich Christoph Daniel (†1821) und dem klassizistischen Umbau unter Edo von der Schulenburg (ab 1841) lassen sich klare strukturelle und ästhetische Entwicklungslinien feststellen. Die verfügbaren Inventare von 1752 (Rep. H 76) und 1821 (Rep. H 79) sowie die bau- und kulturgeschichtliche Beschreibung um 1845 erlauben eine vergleichende Analyse der sich wandelnden Raumfunktionen.
Ein Bau im Schatten der Mängel: Der Schlossneubau in Angern 1737–1739 als Spiegel barocker Baupraxis: Der barocke Neubau des Schlosses Angern in den Jahren 1737 bis 1739 stellt ein instruktives Beispiel für die Spannungsfelder adeliger Repräsentation, wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit und administrativer Kontrolle im 18. Jahrhundert dar. Die erhaltenen Berichte von Oberamtmann Croon an Christoph Daniel von der Schulenburg (Rep. H Angern Nr. 336) erlauben eine detailreiche Rekonstruktion des Baugeschehens, die sowohl Planungs- und Ausführungsmängel als auch die sozialen und strukturellen Rahmenbedingungen offenlegen.
Im Zuge der stockenden Bauarbeiten am Schloss Angern im Herbst 1737 zeichnete sich ein wachsender Finanzierungsbedarf ab, den Christoph Daniel Freiherr von der Schulenburg nicht ausschließlich aus eigenen Rücklagen decken konnte. In einem Schreiben vom 16. Oktober 1737 (Gutsarchiv Angern, Rep. H Angern Nr. 412, Nr. 2) ersuchte sein Verwalter Croon den Bauherrn um die Zuweisung von weiteren 100 Louis d’or, um ausstehende Zahlungen an Handwerker zu begleichen und Materialvorräte für den Frühjahrsbeginn 1738 anzulegen.
Inszenierte Herrschaft im Interieur – Die Ausstattung des Schlosses Angern im Spiegel des Inventars von 1752. Die Ausstattung adeliger Wohnsitze im 18. Jahrhundert war mehr als nur funktionale Möblierung: Sie diente der Repräsentation, der sozialen Codierung und der performativen Inszenierung von Herrschaft, Bildung und weltläufigem Geschmack. Das Inventar des Schlosses Angern aus dem Jahr 1752 (Gutsarchiv Angern, Rep. H 76) erlaubt einen selten detaillierten Blick in die Wohnkultur eines preußisch-altmärkischen Adligen der Barockzeit. Christoph Daniel von der Schulenburg, General der Infanterie im Dienste des Königs von Sardinien, hatte das Schloss wenige Jahre zuvor als Teil einer umfassenden Besitz- und Herrschaftskonsolidierung neu errichten und vollständig ausstatten lassen. Die analysierten Einrichtungsgegenstände, Textilien, Dekorationselemente und Supraporten spiegeln nicht nur die internationale Herkunft des Besitzers, sondern auch seine Ambition, in Angern ein stilistisch kohärentes und symbolisch aufgeladenes Herrschaftszentrum zu etablieren.
Angern

Angern, Sachsen-Anhalt, Landkreis Börde. Heft 20, Berlin 2023 (ISBN: 978-3-910447-06-6).
Alexander Graf von der Schulenburg, Klaus-Henning von Krosigk, Sibylle Badstübner-Gröger.
Herausgeber: Deutsche Gesellschaft e.V.
Umfang: 36 Seiten, 59 Abbildungen.