Die Hauptburg der Burg Angern bildet den zentralen Kernbereich der mittelalterlichen Gesamtanlage und stellt zugleich den am deutlichsten erhaltenen Teil der ursprünglichen Niederungsburg dar. Während zahlreiche hochmittelalterliche Burganlagen der Altmark heute nur noch fragmentarisch erhalten oder ausschließlich archäologisch nachweisbar sind, besitzt die Burg Angern weiterhin eine außergewöhnlich klare topographische Lesbarkeit. Besonders die bis heute erhaltene Inselstruktur erlaubt Rückschlüsse auf die ursprüngliche räumliche Organisation der Burganlage sowie auf deren funktionale und militärische Gliederung.
Die Hauptburg liegt innerhalb eines künstlich gefassten Wasser- und Grabensystems inmitten eines natürlichen Niederungs- und Bruchgeländes südlich des historischen Dorfkerns von Angern. Die Lage der Burg steht dabei offensichtlich in engem Zusammenhang mit den hydrologischen Eigenschaften des Geländes. Die Untersuchungen zur Hauptburginsel (Kernburg) sowie zur Brückenanlage zwischen Vorburg und Hauptburg verdeutlichen, dass die Burganlage eng an die vorhandene Niederungssituation angepasst war. Die sumpfigen Geländebereiche erschwerten die Zugänglichkeit der Anlage erheblich und ermöglichten zugleich die Ausbildung eines wirksamen wassergebundenen Verteidigungssystems.
Die Hauptburginsel selbst ist bis heute in ihrer annähernd rechteckigen Grundform erhalten und im Gelände deutlich nachvollziehbar. Ihre vergleichsweise regelmäßige Geometrie spricht dafür, dass die Insel zumindest teilweise künstlich modelliert und befestigt wurde. Die erhaltenen Geländekanten sowie die noch heute nachvollziehbaren Wasserläufe deuten auf eine gezielte Formung der Inselbereiche im Zusammenhang mit der hochmittelalterlichen Burganlage hin.
Von besonderer Bedeutung ist die unmittelbare räumliche Beziehung zwischen Hauptburg und südlich vorgelagerter Turminsel. Beide Inselbereiche sind noch heute lediglich durch einen schmalen Wasserlauf beziehungsweise Grabenraum voneinander getrennt. Die geringe Distanz spricht gegen eine isolierte Einzellösung und vielmehr für eine eng miteinander verbundene Doppelanlage, deren funktionale Trennung vor allem militärischen und organisatorischen Zwecken gedient haben dürfte. Die topographische Situation der Turminsel ist bis heute deutlich nachvollziehbar (Die Turminsel der Burg Angern). Rekonstruktiv erscheint eine direkte Verbindung über eine erhöhte hölzerne Brückenkonstruktion wahrscheinlich.
Die erhaltenen Mauerzüge der Hauptburg bestehen überwiegend aus unregelmäßigem Feldsteinmauerwerk mit kalkgebundenem Kerngefüge. Die heterogenen glazialen Feldsteine weisen keine systematische Werksteinbearbeitung auf und entsprechen den regionaltypischen Baumaterialien hochmittelalterlicher Feldsteinarchitektur der Altmark. Besonders die Untersuchungen zum Feldsteinmauerwerk und zur Wehrarchitektur der Hauptburg verdeutlichen die typische Materialstruktur der erhaltenen Ringmauerbereiche.
Die Ringmauer der Hauptburg bildete ursprünglich den zentralen Bestandteil des Wehrsystems und umschloss die Binnenbebauung der Kernburg. Die noch erhaltenen Mauerzüge zeigen deutliche Hinweise auf mehrfache Umbau- und Reparaturphasen. Besonders im westlichen Bereich treten sekundäre Ziegelergänzungen innerhalb älterer Feldsteinstrukturen hervor, die auf langfristige Instandsetzungsmaßnahmen und wiederholte bauliche Überformungen hinweisen. Die heutigen Mauerzüge repräsentieren daher keinen einheitlichen Bauzustand, sondern das Ergebnis einer langen baugeschichtlichen Entwicklung.
Die bauliche Situation spricht zugleich gegen die Vorstellung einer großzügigen offenen Innenfläche innerhalb der Hauptburg. Vielmehr deutet die begrenzte Größe der Insel darauf hin, dass die Binnenbebauung vergleichsweise dicht organisiert war. Rekonstruktiv erscheint wahrscheinlich, dass wesentliche Teile der Wohn- und Wirtschaftsgebäude unmittelbar in die Ringmauer integriert waren. Hinweise auf die innere Organisation und Erschließung des Palasbereiches liefern insbesondere die Untersuchungen zum Palaseingang der Burg Angern, zur Sandsteintreppe im südlichen Flurbereich sowie zum Fensterbefund und zur Raumausdehnung des Palas.
Die erhaltenen Befunde zeigen zugleich, dass die Binnenerschließung der Hauptburg keineswegs geradlinig organisiert war. Vielmehr sprechen die baulichen Hinweise für ein komplexes System aus Fluren, Treppenanlagen und unterschiedlich erschlossenen Raumzonen. Besonders die geknickte Binnenerschließung innerhalb des Palasbereiches dürfte sowohl funktionale als auch sicherungstechnische Gründe besessen haben.
Besondere bauhistorische Bedeutung besitzen darüber hinaus die erhaltenen Untergeschosse und Gewölbestrukturen der Hauptburg. Die Untersuchungen zum Ziegelgewölbe über Flur und nördlichem Kellerraum sowie zum Sockelbereich der Außenmauern verdeutlichen, dass wesentliche Teile der mittelalterlichen Kernsubstanz bis heute innerhalb der später überformten Bausituation erhalten geblieben sein dürften. Insbesondere die massiven Sockelzonen verweisen auf die erheblichen statischen Anforderungen einer wassergebundenen Niederungsburg.
Auch die erhaltenen Fensterbefunde liefern wichtige Hinweise auf die ursprüngliche Baugestalt der Hauptburg. Die Untersuchungen zu den Fenstern und Sicherungselementen sowie zu den zugemauerten Fenstern in der Ringmauer zeigen deutlich, dass die Anlage mehrfach an veränderte Nutzungs- und Sicherheitsanforderungen angepasst wurde. Mehrere Öffnungen wurden sekundär verändert oder vollständig verschlossen, was auf fortlaufende bauliche Anpassungsprozesse innerhalb der Hauptburg verweist.
Innerhalb der altmärkischen Burgenlandschaft besitzt die Hauptburg der Burg Angern damit eine besondere wissenschaftliche Bedeutung. Die außergewöhnlich gut erhaltene Inselstruktur, die noch nachvollziehbaren Wasserführungen sowie die erhaltenen Feldsteinmauerwerke erlauben eine vergleichsweise präzise Rekonstruktion einer hochmittelalterlichen Niederungsburg, deren Architektur eng an die natürlichen Landschaftsbedingungen angepasst war. Die Anlage erscheint dabei weniger als monumental repräsentative „Ritterburg“ späterer historisierender Vorstellungen, sondern vielmehr als funktional geprägter Wehr- und Verwaltungssitz innerhalb eines hydrologisch kontrollierten Niederungsraumes.
Eine übergreifende bauhistorische Einordnung der Gesamtanlage findet sich zudem in der wissenschaftlichen Gesamtbetrachtung der Burg Angern, auf deren Grundlage die vorliegende Untersuchung der Hauptburginsel weiterführt.